Seit Tagen versuche ich, mit Lydia ins Gespräch zu kommen. Es ist schwierig und läuft stets nach dem gleichen Muster ab. Immer wieder wirft sie mir vor, ich hätte Franziska missbraucht. Sie habe das gesehen.
Ich frage: „Was hast Du gesehen?"
Sie windet sich . Sie kann keinen Missbrauch gesehen haben, weil es keinen Missbrauch gegeben hat. Sie sagt, es sei plötzlich so leise im Badezimmer gewesen. Und Franziska hätte, nachdem sie die Tür zum Bad geöffnet habe, diesen Blick in den Augen gehabt.
„Welchen Blick?"
„Den Blick eines verängstigten Kindes."
„Franziska war nicht verängstigt. Sie war fröhlich und hat ausgelassen in der Wanne gespielt. Sie hat vielleicht erstaunt geschaut, als Du plötzlich im Bad standest."
„Sie lag auf Deinen Beinen."
„Sie lag auf meinen Beinen, weil sie sich etwa zehn Sekunden, bevor Du ins Bad gekommen bist, so hingelegt hat, um Spielzeug zu greifen, dass am Fußende lag."
„Das war eine unnatürliche Position. Sie würde das nie allein…"
Das kann sie nicht ernst meinen . Sie kann mir nicht im Ernst Missbrauch vorwerfen. Immerhin war sie zwei Tage nach dem Bad mit Franziska beim Arzt. Der hat festgestellt, dass das Kind nicht sexuell missbraucht worden ist. Keinerlei Rötungen, Wunden oder sonst was. Allerdings hat er in sein Attest auch hineingeschrieben, dass eine „passive Benutzung" nicht auszuschließen sei. Was immer der Arzt mit „passiver Benutzung" meint.
Ein Mann vom Jugendamt ruft an . Er sagt, er heiße Russloff-Renz und müsse mich sprechen.
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