Heute versuche ich mit Skiern die Nordabfahrt vom Predigtstuhl, die Alpgartenrinne. Von Baumgarten steige ich in einer Stunde und 50 Minuten auf zum Gipfel des Predigtstuhl. Es liegt viel Schnee, ein Wintermärchen. Immer wieder schneit es, dann folgen Wechsel zwischen leichter Sonne und dichter Bewölkung.
Unterhalb des Predigtstuhl-Gipfels zwei junge Leute, die in eine zirka 40 Grad steile nordseitige Rinne hineinspringen wollen. Um das zu schaffen, müssen sie etwa fünf Meter tief hinunter springen, ehe eine neblige weiße, steile Masse sie auffangen wird. Sie sagen, die Alpgartenrinne sei etwa 500 Meter weiter.
Ich gehe auf dem Bergkamm weiter nach Osten. Kein Skitourengeher außer mir ist unterwegs. Kurz bevor ich die Rinne erreiche, muss ich einen steilen hang 30 Meter seitwärts abrutschen. Total verharschte Unterfläche, ich kann mich nicht halten, die Skier zieht es weg, ich lande auf dem Hosenboden, rutsche nur halbwegs kontrolliert ab.
Fünf Minuten später schaue ich in die steile, neblige Alpgartenrinne hinein. Ich war noch nie hier, kenne mich nicht aus, nach 20 Metern endet die Rinne im nebel. Bin ich überhaupt richtig? Ich gehe auf dem Kamm noch eine viertel Stunde weiter, da ich nicht weiß, ob ich hier richtig bin. Plötzlich Hinweisschilder zum Dreisesselberg, ich bin zu weit, kehre um zu der Rinne, von der ich herkomme.
Plötzlich steht ein anderer Tourengeher vor mir. Ein Einheimischer, er macht sich fertig für die Abfahrt durch die Rinne. Na, wenn das so ist… Wenn der dort hineinfährt, kann das falsch nicht sein.
Der Beginn ist anspruchsvoll. Auch in die Alpgartenrinne muss man hineinspringen, zirka drei Meter weit. Doch dann beginnt eine Wahnsinnssause. Eng, steil, pulvriger Neuschnee, der in kleinen oberflächlichen Rutschen nach unten saust. Nach 100 Metern wird die Rinne breiter, die Sicht besser. Einige hundert Meter vor mir der einzelne Skifahrer. Tiefer geht´s in eine enge Schlucht hinein, durch den Schluchtgrund, Felsen umfahrend, ein Zwei-Meter-Sprung, dann ein extrem enger Ziehweg, auf dem ich kaum noch schwingen kann. Eine gigantische, hochalpine Abfahrt in den Vorbergen. Der Wahnsinn.
Und doch ist meine Laune undefinierbar. Wie mit Schmerzmitteln ruhig gestellt. Zwischen mir und der Sache ist eine leichte Wand. Ich versuche, sie davon zu schieben, aber dennoch ist sie ständig da.
Habe heute einen engen Zeitplan. Ich muss ein Interview fertig machen. Danach Gespräche mit einem Informanten wegen der Sache Badenia. Abends ein Termin bei Psychologe Wolnzach, davor noch die interne Themenkonferenz.
Ich mache gegenüber Wolnzach keinen Hehl, dass ich psychisch am Ende bin. Die Geschichte dauert nun schon viel zu lange. Es macht mich wütend, dass Franziska so sehr unter der Situation leidet und ich ohnmächtig davor stehe. Und es macht mich wütend, dass ich bislang nicht einen Millimeter Boden gewonnen habe und stattdessen nur Ohrfeigen kassiere.
Er macht einen sogenannten Pädophilie-Test mit mir. Ergebnis: Völlig unauffällig, sagt Wolnzach. Das waren 300 Fragen, teilweise sehr speziell („Trifft es zu, dass die Klitoris der Frau die Größe einer Haselnuss hat, ähnlich der Eichel des Mannes?“)
Wir reden darüber , wie ich mich verhalte, wenn ich Lydia plötzlich auf der Straße begegnen sollte. Müsste ich mich rechtfertigen, mich entschuldigen, dass ich existiere. Dass ich ihr zufällig gegenüber getreten bin? Zufällig? Könnte man nicht Absicht dahinter vermuten? Wie würde ich mich Franziska gegenüber verhalten? Ich würde den Erfreuten spielen, sie freudig begrüßen, und dann sagen: „Schade, Papa muss gleich weiter.“ Ich müsste schauspielern, und wahrscheinlich müsste ich ein schlechtes Gewissen haben, dass ich hier bin.
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