{"id":49,"date":"2009-02-22T17:39:08","date_gmt":"2009-02-22T15:39:08","guid":{"rendered":"http:\/\/bergsturz.net\/?page_id=49"},"modified":"2009-02-22T17:39:08","modified_gmt":"2009-02-22T15:39:08","slug":"der-traum-vom-silber","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?page_id=49","title":{"rendered":"Der Traum vom Silber"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit 37 Jahren arbeitet Don Anacleto in den Silberminen des Cerro Rico. Reich ist er dabei nicht geworden<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Morgens um halb sieben, wenn sich die bittere K\u00e4lte der Nacht verfl\u00fcchtigt, macht Don Anacleto f\u00fcr einen Augenblick am Mineromarkt Halt. Dort, am Fu\u00dfe des Cerro Rico, kauft er f\u00fcr f\u00fcnf Bolivianos eine T\u00fcte Cocabl\u00e4tter. Manchmal nimmt er auch ein oder zwei Stangen Dynamit mit. Sieben Bolivianos das St\u00fcck, 1,40 Euro.<\/p>\n<p><strong>Anschlie\u00dfend steigt Don Anacleto<\/strong> einen m\u00e4chtigen Schutthang an. 200 H\u00f6henmeter, kleine, steile Lehmpfade, auf denen seine Gummistiefel immer wieder abrutschen, bis er in 4250 Meter den Eingang zur Mine \u201eSanta Rosa&#8220; erreicht. Ein mannshohes Loch, so wie hunderte an den Flanken des Cerro Rico.<\/p>\n<p>Aus einer kleinen Holzh\u00fctte nimmt sich der 52-j\u00e4hrige Hammer, Schaufel, einen Materialrucksack sowie eine Karbidlampe. Er setzt sich einen Helm auf und gr\u00fc\u00dft kurz seine Kollegen: \u201eHola Juan, hola Pablo.&#8220; Dann dringt er in den Berg ein. Einige hundert Meter weit l\u00e4uft er den Hauptstollen entlang, schlie\u00dflich klettert er eine Leiter mit gebrochenen Holzsprossen ab. Der Stollen der zweiten Ebene ist an manchen Stellen so niedrig, dass Don Anacleto, obwohl nur 1,52-Meter gro\u00df, auf Knien kriechen muss. Schlie\u00dflich die Schl\u00fcsselstelle seines Arbeitsweges: Ein Loch, 15 Meter tief. Er nimmt die Karbidlampe zwischen die Z\u00e4hne und hangelt sich an einem knotigen Tau ins schwarze Nichts hinab. Seine Stiefel finden an der senkrechten schmierigen Wand keinen Halt. Nur seine schwieligen H\u00e4nde bewahren ihn vor dem Absturz. Zehn Meter muss er durchhalten, dann schwingt er sich in einen Seitenstollen. Hier arbeitet er.<\/p>\n<p><strong>Don Anacleto ist einer von 8500 Mineros<\/strong>, die t\u00e4glich in den Tiefen des Cerro Rico, dem Reichen Berg, ihr Geld verdienen. Sumaj Orcko, den sch\u00f6nen Berg, nennen ihn die Indios in ihrer Quetchua-Sprache. Doch der  4824 Meter hohe Schutthaufen, der dunkelrot \u00fcber der bolivianischen Andenstadt Potosi thront, ist weder reich noch sch\u00f6n. Er war es wohl einmal, als 1545 der Indio Diego Huallpa am Fu\u00dfe des damals noch bewachsenen Berges campierte und auf der Suche nach seinen Lamas das gl\u00e4nzende Silber entdeckt haben soll.<\/p>\n<p>Doch noch im selben Jahr erfuhren die spanischen Conquistadoren von dem Reichtum des Cerro Rico: Silber, tausende Tonnen, der ganze Berg voll  davon. Bis zu zwei Meter dick sollen die Metalladern gewesen sein. Die Spanier durchw\u00fchlten die Flanken des Berges, sie lie\u00dfen tausende von Stollen in ihn hineintreiben, sie kehrten sein Innerstes nach Au\u00dfen. Vor allem im 17. Jahrhundert verwandelten sie den Berg in eine gigantische H\u00f6henbaustelle. Silber war der Stoff, mit dem die K\u00f6nige im fernen Spanien ihre Kolonialmaschinerie am Laufen hielten.<\/p>\n<p><strong>Acht Millionen Menschen<\/strong>, vor allem Indios, gingen an der Suche nach dem begehrten Metall zugrunde. \u201eLa Mita&#8220; hie\u00df jenes sklavenartige System, dass der spanische Vizek\u00f6nig Francisco de Toledo von den Inkas \u00fcbernahm und perfektionierte. Nahezu jedes Andendorf wurde gezwungen, Arbeiter f\u00fcr die Minen zu stellen. Bis zu sechs Monate mussten die Indios unter Tage schuften. Viele sollten in dieser Zeit nie das Tageslicht sehen.<\/p>\n<p>Die Zeit der Zwangsarbeit war zugleich die Bl\u00fcte Potosis. 1650 lebten 160000 Menschen in der Stadt, soviel wie damals in Paris oder London. Hier, mitten in den Anden, in 4000 Meter H\u00f6he, hausten nicht nur die Mineros. In der Wirtschaftsmetropole residierten auch Intellektuelle und K\u00fcnstler aus aller Welt. W\u00e4hrend die Mineros schufteten, feierte die Boheme rauschende Feste, die Kirche zelebrierte pomp\u00f6se Messen.<\/p>\n<p><strong>Vorbei<\/strong>. 1825, als Bolivien sich die Unabh\u00e4ngigkeit von Spanien erk\u00e4mpft hatte, versiegte auch der Strom des schier unersch\u00f6pflichen Silbers. Die gro\u00dfen Vor-<br \/>\nkommen waren ersch\u00f6pft, Kriege, Krankheiten und Desorganisation dr\u00fcckten auf die Produktion. Der Satz: \u201eReich wie ein Potosi&#8220; galt fortan nicht mehr viel.<\/p>\n<p>Heute lebt die Stadt von der Erinnerung an die Vergangenheit. Potosi z\u00e4hlt noch 138000 Einwohner. Wer hier wohnt, ist Minero. Oder er verdient sein Geld mit den Touristen, die erstaunt feststellen, dass die Arbeit in den Minen des Cerro Rico noch heute so ist, wie sie schon im 17. Jahrhundert gewesen sein muss.<\/p>\n<p><strong>Mit einem Unterschied:<\/strong> Im Gegensatz zu den Zeiten der Mita schuftet Don Anacleto heute freiwillig im Cerro Rico, als Mitglied der Kooperative \u201e21. Dezember&#8220;. \u201eEigentlich hei\u00dft Kooperative ja: Einer f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen&#8220;, sagt er. \u201eAber das gilt hier nicht.&#8220; Die Kooperative weist ihm einen Arbeitsplatz zu, sonst tut sie nichts f\u00fcr ihn. Und sie kassiert 20 Prozent seines Einkommens.<\/p>\n<p>Da unten im Berg, in der ewigen Finsternis, ist Don Anacleto ganz allein. Er verklemmt seinen K\u00f6rper in dem engen Loch und pr\u00fcgelt mit schweren Hammerschl\u00e4gen eine Metallstange in das Gestein. Mit jedem Schlag einen halben Zentimeter tiefer, bis die Dynamitstangen hineinpassen.<\/p>\n<p><strong>Selbst mit mehr als drei Jahrzehnten Erfahrung<\/strong> hat Don Anacleto noch Respekt vor dem Sprengen. \u201eDu musst genau hinh\u00f6ren, ob alle Dynamitstangen gez\u00fcndet haben. Auch danach musst Du vorsichtig sein. Wegen der Gase.&#8220; Die Karbidlampe ist Don Anacletos Indikator: \u201eWenn sich die Flamme blau verf\u00e4rbt, musst Du schnell raus hier.&#8220; Einmal, vor 13 Jahren, w\u00e4re er fast ums Leben gekommen. Noch drei Tage nach einer Sprengung hatte sich das freigesetzte Gas in der Nische gehalten, in der er arbeitete.<\/p>\n<p>\u201eComplejo&#8220; nennt Don Anacleto das Gestein, das er mit Hammer und Schaufel aus den W\u00e4nden bricht. Ein Mix aus Materialien: Zinn, Zink, Blei, Wolfram&#8230; Ein bisschen Silber noch. Don Anacleto sch\u00fcttet das Gestein in einen Eimer und kurbelt es mit einer Winde das senkrechte Loch hoch. Dann schnallt er sich den Materialsack auf den R\u00fccken. Durch die engen, steilen Stollen schleppt er die Steine an die Oberfl\u00e4che: mal gehend, mal kriechend oder kletternd. 30, 40 mal am Tag. Drau\u00dfen kein Blick auf die Stadt, die 250 Meter unter ihm liegt, nur das Gestein auf einen Haufen gesch\u00fcttet, ein paar Cocabl\u00e4tter nachgeschoben, und dann wieder rein in die Mine.<\/p>\n<p><strong>Nach drei Wochen<\/strong>, wenn Don Anacleto zehn Tonnen Complejo beisammen hat, f\u00e4hrt ein Laster das Gestein zu den Aufbereitungsanlagen unten bei der Stadt, wo es zermahlen und mit Wasser und Chemikalien versetzt wird. Vor einigen Jahren wurde selbst der Rio de la Plata im 1600 Kilometer entfernten Buenos Aires mit Quecksilber aus Potosi verseucht.<\/p>\n<p>F\u00fcr zehn Tonnen Complejo kriegt Don Anacleto 350 Bolivianos. 70 Euro. \u201eDas ist zu wenig, um mich, meine Frau und die f\u00fcnf Kinder zu ern\u00e4hren. Zum Gl\u00fcck arbeiten die beiden gro\u00dfen S\u00f6hne bereits.&#8220; Nicht in der Mine, sondern in Firmen unten in der Stadt.<\/p>\n<p><strong>Vor einem halben Jahr <\/strong>hat man Don Anacleto noch fast 700 Bolivianos soviel bezahlt. Aber dann sind die Preise f\u00fcr Zink und Zinn gefallen. Der Einfluss der Weltwirtschaft ist selbst bis in diesen entlegenen Winkel Boliviens zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Eigentlich d\u00fcrfte Don Anacleto gar nicht mehr in den Minen arbeiten. Der Gesteinsstaub von dreieinhalb Jahrzehnten hat sich in seinen Lungenfl\u00fcgeln festgesetzt. Es ist ein schleichendes Siechtum. \u201eJahrelang sp\u00fcrt man nichts. Der Schmerz kommt langsam.&#8220; Es war vor zwei Jahren, als Don Anacleto seinen gro\u00dfen Zusammenbruch hatte. \u201eIch konnte nicht mehr.&#8220; Doch der Arzt hat ihm starke Medikamente verschrieben. Und Don Anacleto ist wieder rein in den Stollen. \u201eWegen des Geldes&#8230;&#8220;<\/p>\n<p><strong>Heute macht er langsamer.<\/strong> Aber seine Qualen bleiben. \u201eIch habe Schmerzen in der Lunge, am R\u00fccken, in allen Knochen.&#8220;<\/p>\n<p>Wenigstens hat er die Coca. Die gr\u00fcnen Bl\u00e4tter sind seine t\u00e4gliche Nahrung. Sie h\u00fcllen die Arbeitstage in einen besch\u00f6nigenden Nebel, sie machen den Hunger vergessen und die H\u00f6he<em> <\/em>ertr\u00e4glich.<\/p>\n<p><strong>Eigentlich ist es ein Wunder<\/strong>, dass Don Anacleto \u00fcberhaupt so lange durchgehalten hat. \u201eDie Lebenserwartung der Mineros betr\u00e4gt im Schnitt 35 bis 40 Jahre&#8220;, sagt Antonio Pardo Guevara, Vizepr\u00e4sident des Minenarbeiter-Verbandes der Provinz Potosi. \u201eViele, die die Minen als 15j\u00e4hrige das erste Mal betreten, zeigen bereits drei oder f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter die typischen Krankheitssymptome: Lungenprobleme, Tuberkulose, Unterern\u00e4hrung, chronischen Durchfall&#8230;<\/p>\n<p>Daneben gibt es immer wieder schwere Unf\u00e4lle. Guevara: \u201eIm vergangenen Jahr hatten wir 16 Tote. Gasvergiftungen, Bergst\u00fcrze, Explosionen, Abst\u00fcrze in den senkrechten Verbindungsstollen.&#8220; Fr\u00fcher, als die staatliche Mine noch existierte, habe es Maschinen gegeben, die die Arbeit erleichterten und etwas sicherer machten. \u201eAber heute&#8230; Eine Maschine, die Frischluft in die Stollen bl\u00e4st, kostet 24 Euro. Pro Stunde. Unm\u00f6glich.&#8220; Und nach einer kurzen Pause: \u201eNirgendwo sind die Arbeitsbedingungen so hart wie im Cerro Rico.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sicherheit passiert h\u00f6chstens im Kopf.<\/strong> Die Mineros entscheiden selbst, wo sie in dem durchl\u00f6cherten Berg sprengen und graben. Experten, die die Stabilit\u00e4t der L\u00f6cher kontrollieren, gibt es nicht. \u201eDie Mineros&#8220;, sagt Don Anacleto, der seinen Vater und zwei Br\u00fcder in dem Berg verloren hat, \u201ewerden irgendwann selbst zu Geologen und Ingenieuren.&#8220; Andere sind davon weniger \u00fcberzeugt. Sie sagen, der Cerro Rico sei eine statische Zeitbombe und fragen sich, wie viele L\u00f6cher der Berg ertr\u00e4gt. Durchbohrt von 5500 Stollen wird er nur noch von der Hoffnung getragen.<\/p>\n<p>Um 325 Meter ist der Cerro Rico in den vergangenen 400 Jahren bereits geschrumpft. Und das Siechtum geht weiter. Immer wieder tun sich an seinen m\u00e4chtigen Flanken gro\u00dfe Areale auf, wo das Gestein 20, 30 Meter tief in sich zusammensackt. \u201eVielleicht&#8220;, sinniert Don Anacleto, \u201ebricht der Berg eines Tages ganz in sich zusammen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Guevara, der Vizepr\u00e4sident des Mineroverbandes<\/strong><em>,<\/em> will gar nicht dran denken. Der Cerro Rico bereitet ihm so schon Probleme genug. Jeden Tag suchen Mineros und deren Frauen bei ihm Rat. Es geht um Staublungen, Arbeitsunf\u00e4higkeit, Rentenanspr\u00fcche, die Versorgung nach Unf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Auch jetzt harrt eine Indiofrau vor seinem B\u00fcro aus. Seit zwei Stunden sitzt sie dort. Sie weint leise, als sie mit ged\u00e4mpfter Stimme berichtet, dass ihr Mann vor Schmerzen in den Lungen kaum noch atmen k\u00f6nne. \u201eAber er arbeitet noch immer in den Minen. Wovon sollen wir sonst leben?&#8220;<\/p>\n<p><strong>Guevara, ein kleiner Mann,<\/strong> der mit seiner dunklen gegerbten Haut und den markanten Gesichtsz\u00fcgen wie ein gestrenger Lehrer wirkt, kennt diese Geschichten. Nicht nur, weil man sie ihm t\u00e4glich vortr\u00e4gt. Er hat selbst viele Jahre in den Minen gearbeitet. Das erste Mal mit 14.<\/p>\n<p>Nun ist er 50 und k\u00e4mpft mit Einzelschicksalen, die sich tausendfach wiederholen, mit Antragsformularen, mit Beh\u00f6rden, mit der Politik. \u201eWir wollen, dass die Mineros k\u00fcnftig monatlich bis zu 850 Bolivianos bei Berufsunf\u00e4higkeit als Rente erhalten&#8220;, sagt Guevara. 140 Euro, je nach Schwere der Krankheit.<\/p>\n<p><strong>Mittags, gegen halb eins,<\/strong> legt Don Anacleto eine Pause ein. St\u00f6hnend l\u00e4sst er  sich neben \u201eTio Jorge&#8220; nieder, einer Teufelsfigur aus Lehm. Hier l\u00e4sst es sich aushalten, denn ein Frischluftstollen bl\u00e4st Sauerstoff an diesen Ort.<\/p>\n<p>\u201eTio Jorge&#8220; ist ein Gef\u00e4hrte aus der Kolonialzeit. \u201e300 Jahre oder so sitzt er schon hier&#8220;, sagt Don Anacleto. \u201eTio Jorge&#8220; tr\u00e4gt Arbeitskleidung. Er hat H\u00f6rner und einen Ziegenbart, er besitzt ein Herz aus Silber, vor allem aber hat er einen \u00fcberdimensionalen roten, abstehenden Penis als Symbol der Fruchtbarkeit. Er ist der Herrscher \u00fcber das Silber und all die anderen Metalle in der Mine Santa Rosa. Die Mineros wollen, dass er ihnen davon gibt. Und so tun sie ihm Gutes, vor allem freitags. Dann stecken sie ihm brennende Zigarren an, sie<em> <\/em>sch\u00fctten ihm 96prozentigen Whisky \u00fcber das Gesicht und besprengen ihn mit Cocabl\u00e4ttern, in der Hoffnung, ihn milde zu stimmen.<\/p>\n<p><strong>Doch \u201eTio Jorge&#8220;<\/strong> ist offenbar schon seit vielen Jahren nicht mehr gut gelaunt. Silber gibt es in dem Berg nur noch in hom\u00f6opathischen Dosen. Dennoch kreisen die Gedanken der M\u00e4nner unabl\u00e4ssig um dieses eine Thema: Wenigstens einmal einen dicken Brocken dieses wertvollen Metalls dem Berg entrei\u00dfen. Zehntausend Dollar oder mehr br\u00e4chte er ihnen ein, und das harte Minerodasein h\u00e4tte ein Ende.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Silberfund ist auch f\u00fcr Don Anacleto immer ein Traum geblieben. Einmal in seinen 37 Minerojahren ist er auf Zinn gesto\u00dfen, von dem er sagt, dass es einst ebenso wertvoll gewesen sei wie Silber. Doch nach vier Wochen verlor sich die Zinnvene im Nichts. Zugleich sackte der Kurs des Dollar ab. Jedesmal, wenn Don Anacleto sein Zinn verkaufen wollte, erhielt er daf\u00fcr weniger Geld.<\/p>\n<p><strong>Im Casa Real de Moneda<\/strong>, im Zentrum Potosis, ist das Silber einst in Str\u00f6men geflossen. Fast 400 Jahre lang, von 1575 bis 1953, wurden in diesem zwischenzeitlich neu errichteten Geb\u00e4ude M\u00fcnzen gepr\u00e4gt &#8211; vor allem f\u00fcr die Kolonialmacht Spanien. Daf\u00fcr war den Besatzern kein Aufwand zu gro\u00df. Das Holz f\u00fcr die herrschaftlichen S\u00e4le der Moneda entrissen sie dem Chaco, einem riesigen Trockenwald in Paraguay und Argentinien<em>.<\/em> Sie lie\u00dfen m\u00e4chtige Maschinen aus \u00d6sterreich heranschaffen, mit denen die Silberbarren zu flachen Laminatplatten gepresst wurden. Die Mulas, die diese Apparate in Bewegung hielten, holten sie aus Argentinien. 90 Tage hielten die Tiere durch, dann waren sie durch K\u00e4lte und schlechte Nahrung verbraucht. Wenig besser erging es den Sklaven, die beizeiten anstelle der Tiere die Laminatpressen in Schwung halten mussten.<\/p>\n<p>Die Leute von der Moneda sagen, mit dem Silber des Cerro Rico h\u00e4tte man eine Br\u00fccke von Lateinamerika nach Europa bauen k\u00f6nnen. Die Knochen der Toten h\u00e4tten f\u00fcr zwei Br\u00fccken gereicht &#8211; eine f\u00fcr den Hinweg, die andere f\u00fcr den R\u00fcckweg.<\/p>\n<p><strong>Heute ist die Moneda ein Museum<\/strong>. Und ein Symbol f\u00fcr den Aufstieg und den Fall Potosis, das 1987 wegen seiner kolonialen Architektur und dem Cerro Rico von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde. \u201eDie einst m\u00e4chtige und reiche Stadt ist mittlerweile eine der \u00e4rmsten in Bolivien, ja sogar in ganz Lateinamerika,&#8220; schreibt Eloy Mollo, Autor eines Buches \u00fcber Potosi. Bezeichnend auch, dass Bolivien, das einst \u00fcber Jahrhunderte f\u00fcr Spanien und weite Teile Lateinamerikas die M\u00fcnzen herstellte, sein Geld heute im Ausland produzieren l\u00e4sst. Vor allem in Spanien.<\/p>\n<p>Immer wieder bricht Don Anacleto mit seinen Z\u00e4hnen einige Cocabl\u00e4tter auf. Mit Speichel vermengt l\u00e4sst er die Masse minutenlang in seinen Backen einwirken. Er  erz\u00e4hlt von dem Fest, dass die Mineros einmal im Jahr feiern. Zu Ehren von Pachamama, der Mutter Erde, opfern sie ein wei\u00dfes Lama. Das Blut des Tieres soll Gl\u00fcck und Reichtum bringen. Und er erz\u00e4hlt von der Zukunft, der Zeit nach der Arbeit. Drei, vielleicht auch f\u00fcnf Jahre will er noch in den Minen arbeiten. Und dann? Mal zum Titicacasee, nach Buenos Aires oder La Paz? Don Anacleto l\u00e4chelt verlegen. \u201eNein, nein. Nach Chaqui, zu den Thermalquellen.&#8220; Die sind eineinhalb Stunden mit dem Bus entfernt.<\/p>\n<p><strong>Don Anacleto streut noch ein paar Bl\u00e4tter<\/strong> \u00fcber das Haupt von \u201eTio Jorge&#8220;, dann l\u00e4sst er sich wieder an dem Tau in die Tiefe hinab, verklemmt seinen K\u00f6rper in dem Loch und schl\u00e4gt im schwachen Schein seiner Karbidlampe das Gestein aus demBerg.<\/p>\n<p>Antonio Pardo Guevara, der Verwalter des Mangels und der Unzul\u00e4nglichkeit, sch\u00e4tzt, dass die Mineros im Cerro Rico l\u00e4ngstens noch 50 Jahre lang Metalle finden. Aber eigentlich lohne es sich bereits heute kaum noch. Die M\u00e4nner m\u00fcssten immer tiefer in den Berg dringen, um das Complejo herauszuschlagen. Das mache die Arbeit gef\u00e4hrlich. \u201eIm Grunde&#8220;, so Guevara, \u201em\u00fcsste man den Cerro Rico sofort schlie\u00dfen.&#8220; Aber er wei\u00df, dass das nicht m\u00f6glich ist. Schlie\u00dflich lebt die ganze Stadt von dem Berg.<\/p>\n<p><strong>So verfolgt er eine andere Strategie: <\/strong>Er will die Minent\u00e4tigkeit im Cerro Rico langsam reduzieren. Der Vizepr\u00e4sident ermuntert die Arbeiter, in die Minen im 60 Kilometer entfernten Turky zu wechseln: \u201eDort sind die Vorkommen noch intakt. Es gibt viele Metalle, die Arbeitsbedingungen sind besser als im Cerro Rico.&#8220;<\/p>\n<p>Doch bislang sind nur wenige M\u00e4nner seinem Vorschlag gefolgt. Der Cerro Rico steht vor ihrer Haust\u00fcr, hier leben ihre Familien. Im \u00fcbrigen schafft es Guevara selbst nicht, vom Cerro Rico loszukommen. In wenigen Monaten geht seine Amtszeit als Vizepr\u00e4sident zu Ende. Dann wird er wie Don Anacleto morgens wieder um halb sieben am Mineromarkt Halt machen, Coca und Dynamitstangen kaufen, ehe er in einem der zahllosen L\u00f6cher des Cerro Rico seinen Lebensunterhalt verdient. Als Minero. \u00a9 Bergsturz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 37 Jahren arbeitet Don Anacleto in den Silberminen des Cerro Rico. Reich ist er dabei nicht geworden Morgens um halb sieben, wenn sich die bittere K\u00e4lte der Nacht verfl\u00fcchtigt, macht Don Anacleto f\u00fcr einen Augenblick am Mineromarkt Halt. 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