{"id":50,"date":"2009-02-22T18:18:20","date_gmt":"2009-02-22T16:18:20","guid":{"rendered":"http:\/\/bergsturz.net\/?page_id=50"},"modified":"2009-02-22T18:18:20","modified_gmt":"2009-02-22T16:18:20","slug":"willkur-im-kaukasus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?page_id=50","title":{"rendered":"Willk\u00fcr im Kaukasus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer auf den Elbrus rauf will, muss mehr als den Berg bezwingen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>F\u00fcr viele Geographen und Alpinisten ist klar<\/strong>: Nicht der Mont Blanc, sondern der Elbrus ist der h\u00f6chste Berg Europas. Wer diesen 5642 Meter hohen Kaukasus-Riesen besteigen will, muss nicht nur der H\u00f6he, den St\u00fcrmen und der K\u00e4lte trotzen. Er muss auch eine Reise durch den real zerfallenden Sozialismus auf sich nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon am Flughafen der Kaukasus-Stadt Mineralye Vody ist alles ganz anders. Allein der offen zur Schau getragene Besitz einer Kamera kann den tempor\u00e4ren Verlust des Reisepasses, der Kamera und des eingelegten Filmes zur Folge haben. Auf jeden Fall will der Uniformierte Wachmann 50 Dollar. Ohne Quittung nat\u00fcrlich. Doch die Willk\u00fcr geh\u00f6rt auf der Reise zum Elbrus ebenso dazu wie die Unzul\u00e4nglichkeit. Mehr<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zehntausende standen schon auf dem Mont Blanc.<\/strong> 4848 Meter hoch. Der h\u00f6chste Berg Europas, glauben viele. Tats\u00e4chlich steht h\u00f6chste Berg Europas 2500 Kilometer weiter \u00f6stlich, im Kaukasus, sagen andere. Der Elbrus. 5642 Meter hoch. Hinter diesen beiden Meinungen verbirgt sich ein alter Streit der Geographen, Geologen und Alpinisten. Im Kern geht es dabei um die Frage: Wo verl\u00e4uft geografisch wie auch politisch die s\u00fcd\u00f6stliche Grenze Europas? Viele Bergsteiger haben die Frage f\u00fcr sich l\u00e4ngst entschieden: Die Hauptkette des Kaukasus ist nicht nur die Grenze zwischen Russland im Norden und Georgien im S\u00fcden. Sie ist auch die Trennlinie zwischen Europa und Asien. Damit liegt f\u00fcr sie der Elbrus, der zehn Kilometer n\u00f6rdlich des Kaukasus-Hauptkammes steht, in Europa.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grund genug f\u00fcr j\u00e4hrlich hunderte von Bergsteigern, den buckligen und vereisten Doppelgipfel zu erklimmen. Das ist zwar keine Expedition ins Unbekannte mehr. Die Ann\u00e4herung an diesen markanten, buckligen Doppelgipfel ist aber eine aufregende Reise in ein faszinierendes Hochgebirge. Sie verlangt neben reichlich Kondition eine Portion Gelassenheit gegen\u00fcber den russischen Unzul\u00e4nglichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das beginnt schon am Flughafen von Mineralnye Vody<\/strong>, dem Einfallstor zum Kaukasus. T\u00e4glich wird es \u00fcber Moskau und einmal w\u00f6chentlich von M\u00fcnchen angeflogen. Zwar sind hier in der N\u00e4he vor Wochen viele Menschen bei der Explosion eines Bombe in einem Pendlerzug ums Leben gekommen. Tschetschenen werden offiziell daf\u00fcr verantwortlich gemacht. F\u00fcr ankommende Bergsteiger ist jedoch die Gefahr ungleich gr\u00f6\u00dfer, Opfer der russischen B\u00fcrokratie zu werden. Noch auf dem Flughafen von Mineralnye Vody droht man ihnen an, sie um 50 Dollar zu erleichtern. Und das nur, weil sie noch auf dem Vorfeld die Kamera vor das Auge gehoben haben. Alternativ bieten die uniformierten M\u00e4nner an, mit ihnen auf die Wache zu kommen. \u201eDas dauert mindestens sechs Stunden\u201c, st\u00f6hnt Vladimir, der russische F\u00fchrer der deutschen Bergsteiger. Auch auf der vierst\u00fcndigen Fahrt nach Terskol ist Geduld n\u00f6tig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder zwingen Polizisten den Kleinbus mit den Fremden zum Halten. Nicht nur die tschetschenische Grenze ist nah. Auch Georgien ist nur einen Steinwurf entfernt. Ausschlaggebender als das ist aber die Willk\u00fcr. Bei jedem Auto, dass die Polizisten anhalten, finden sie auch einen Mangel. Bestimmt. Erst wenn Vladimir die Staatsdiener mit einem Handschlag Bakschisch zufrieden stellt, lassen sie die Alpinisten-Gruppe ziehen. Sp\u00e4ter dann pr\u00e4sentiert sich am Wegesrand ungeschminkt der real zerfallende Sozialismus: Die Stahlwerke in der Minenstadt Tyrnyauz im Baksan-Tal machen den Eindruck, als habe eine Bombe eingeschlagen. Und in Terskol, dem letzten Dorf des Tales, w\u00fchlen K\u00fche im M\u00fcll, der sich \u00fcber die Stra\u00dfen verteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwei Kilometer weiter<\/strong> <strong>oben <\/strong>das mehrst\u00f6ckige Azau-Hotel: Eine leere Betonruine im lichten Wald. Vladimir sagt, zur Zeit der Sowjetunion sei es ein bl\u00fchendes Haus gewesen. Doch mit dem Zusammenbruch des Systems kamen auch die Pl\u00fcnderer. Sie nahmen jedes Fenster, jeden Wasserhahn, jede Fu\u00dfmatte mit. F\u00fcr das, was vorher dem Staat geh\u00f6rte, f\u00fchlt sich heute niemand mehr verantwortlich.<\/p>\n<p><!--[if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal<\/w:View> <w:Zoom>0<\/w:Zoom> <w:HyphenationZone>21<\/w:HyphenationZone> <w:PunctuationKerning \/> <w:ValidateAgainstSchemas \/> <w:SaveIfXMLInvalid>false<\/w:SaveIfXMLInvalid> <w:IgnoreMixedContent>false<\/w:IgnoreMixedContent> <w:AlwaysShowPlaceholderText>false<\/w:AlwaysShowPlaceholderText> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables \/> <w:SnapToGridInCell \/> <w:WrapTextWithPunct \/> <w:UseAsianBreakRules \/> <w:DontGrowAutofit \/> <\/w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4<\/w:BrowserLevel> <\/w:WordDocument> <\/xml><![endif]--><!--[if gte mso 9]><xml> <w:LatentStyles DefLockedState=\"false\" LatentStyleCount=\"156\"> <\/w:LatentStyles> <\/xml><![endif]--> Gleich nebenan die Unterkunft der Bergsteiger, die Logovo-Lodge: Die Heizung l\u00e4sst sich nicht runterregeln. Auch die Fenster lassen sich nicht \u00f6ffnen. Doch solche Unzul\u00e4nglichkeiten relativieren sich beim Blick auf die Berge: Tief verschneite Vier- und F\u00fcnftausender beherrschen das Tal.<\/p>\n<p><strong>Der Cheget-Sessellift<\/strong>, eine altersschwache Bahn mit metallenen Einer-Gondeln, soll uns nach oben bringen. Die Skier und St\u00f6cke quer zum K\u00f6rper lasse ich mich in den Sitz plumpsen. Pl\u00f6tzlich zieht es meine F\u00fc\u00dfe unter die Gondel, fast hebelt es mich aus dem Sitz, die Knieb\u00e4nder sind zum Zerreissen gespannt, der Meniskus knirscht. Irgendwie schaffe ich es, die F\u00fc\u00dfe wieder freizukriegen. Was ist passiert? Offenbar h\u00e4lt es niemand f\u00fcr n\u00f6tig, in der Einstiegszone den Schnee wegzuschaufeln. So bleiben nur wenige Zentimeter zwischen Gondel und Boden. Die einzige M\u00f6glichkeit, dies heile zu \u00fcberstehen, besteht darin, die Beine bis zu den Ohren hochzuziehen. Aber woher soll der Neuling das wissen?<\/p>\n<p>Der Gipfel des 3500 Meter hohen Cheget entsch\u00e4digt f\u00fcr das Malheur. Direkt gegen\u00fcber beherrscht der wuchtige Doppelgipfel des Elbrus die Szenerie, unser Ziel in den n\u00e4chsten Tagen.<\/p>\n<p><strong>Mehrere Tage akklimatisieren sich die Bergsteiger<\/strong> mit Besteigungen von Drei- und Viertausendern. Erst dann wagen sie sich an ihr Hauptziel, den Elbrus. Mit der Seilbahn schweben sie bis auf 3470 Meter hinauf. Seit dem Ende der sechziger Jahre tut die Bahn ihren Dienst. Und das, ohne dass man sich \u00fcberm\u00e4\u00dfig um sie gek\u00fcmmert h\u00e4tte: An den Tragpfeilern der Bergstation br\u00f6ckelt der Beton, darunter lugt das Stahlskelett heraus. Vladimir sagt: \u201eIm Kaukasus ist es so. Es funktioniert, aber nichts ist perfekt.&#8220; Immerhin, das Laissez-Faire-Denken hat auch in S\u00fcdrussland seine Grenzen. Die untere Sektion der Elbrus-Bahn wird gerade durch eine moderne Kabinen-Umlaufbahn ersetzt.<\/p>\n<p>Einige hundert Meter h\u00f6her und eine kalte Sessellift-Fahrt weiter erreichen die Bergsteiger die Karabashi-Lodge. Von diesem Lager aus werden sie den Gipfelanstieg versuchen. Karabashi, das sind zehn wei\u00df-rote Metalltonnen, die sich eng aneinander schmiegen. Jede bietet Platz f\u00fcr f\u00fcnf Bergsteiger. In ihrem Innern k\u00e4mpfen elektrische Heizstrahler gegen die K\u00e4lte. Gl\u00fchende Dr\u00e4hte in offenen Keramikgef\u00e4\u00dfen saugen das bi\u00dfchen Energie hier oben auf.<\/p>\n<p><strong>Tanja ist eine fr\u00f6hliche Frau. <\/strong>Sie singt beim Kochen, obwohl sich die Temperatur in dem K\u00fcchencontainer klar unter Null h\u00e4lt. Eis liegt auf den Holzb\u00e4nken, Eis klebt auch an den W\u00e4nden des Containers, in den kein Tageslicht dringt. Wenn Tanja den Gasherd anwirft, tropft Wasser von der Decke. Doch die K\u00f6chin aus der Provinzhauptstadt Naltschik l\u00e4sst sich nicht st\u00f6ren: Nach eineinhalb Stunden serviert sie Bortsch, eine russische Suppe. Danach Fleisch mit P\u00fcree, dazu Gurken und Radieschen.<\/p>\n<p>Vladimir gibt die Losung f\u00fcr den Gipfeltag aus: Um zwei Uhr fr\u00fch aufstehen, um drei Uhr Abmarsch. Grimmige K\u00e4lte schl\u00e4gt den Bergsteigern entgegen. Das Thermometer zeigt 26 Grad unter Null. Wind zerrt an den Daunenjacken der Alpinisten. Obwohl sie ihre Skier durch die Nacht die H\u00e4nge hinaufschieben, sind ihre H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe mehr kalt als warm. Erst als sich im Osten, irgendwo \u00fcber dem Kaspischen Meer, der neue Tag mit einem hellen Streifen ank\u00fcndigt, wissen sie, dass sie das Schlimmste \u00fcberstanden haben.<\/p>\n<p><strong>Um neun Uhr machen sie eine Pause im Sattel<\/strong>, der zwischen den beiden Gipfelkalotten liegt. 5400 Meter hoch. Nur noch 240 H\u00f6henmeter bis auf den Westgipfel. Ein steiler Hang, eine Flachpassage, ein Aufschwung. Ihr Atem geht schwer, der Wind bl\u00e4st immer noch eisig kalt. Eine letzte Erhebung, dann stehen die Bergsteiger aus dem fernen Deutschland auf dem h\u00f6chsten Punkt Europas: 5642 Meter hoch. Oder ist dies doch nicht mehr Europa? Egal. Ob Europa oder Asien, was interessiert das noch hier oben. Sollen sich die Wissenschaftler unten im Tal dar\u00fcber streiten. Die Fernsicht jedenfalls reicht weit von Asien nach Europa. Und dann blicken die Bergsteiger hinunter ins Baksan-Tal, wo der real zerfallende Sozialismus mit Wodka und Schaschlick auf sie wartet.<\/p>\n<p>\u00a9 Bergsturz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer auf den Elbrus rauf will, muss mehr als den Berg bezwingen F\u00fcr viele Geographen und Alpinisten ist klar: Nicht der Mont Blanc, sondern der Elbrus ist der h\u00f6chste Berg Europas. 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