{"id":53,"date":"2009-02-22T19:19:52","date_gmt":"2009-02-22T17:19:52","guid":{"rendered":"http:\/\/bergsturz.net\/?page_id=53"},"modified":"2009-02-22T19:19:52","modified_gmt":"2009-02-22T17:19:52","slug":"ein-bischen-rundown","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?page_id=53","title":{"rendered":"Ein bisschen rundown"},"content":{"rendered":"<p><em>Zum Gl\u00fcck hat das Hotel Golfito Mario<\/em><\/p>\n<p><strong>Das \u201eHotel Golfito\u201c<\/strong> ist nicht gerade das Aush\u00e4ngeschild des Costa-Ricanischen Fremdenverkehrs. Die Zimmer sind so einfach wie abgewirtschaftet: Die W\u00e4nde, mit abwaschbarer Farbe bemalt, sind verschmutzt, der Toilettensitz von unz\u00e4hligen Sitzungen abgeschabt. Zwei Betten auf Metallgestellt, ein Ventilator, Dusche, Toilette, Waschbecken. Das \u201eGolfito\u201c kann und will nicht mithalten mit den unz\u00e4hligen luxuri\u00f6sen Unterk\u00fcnften in diesem Land, die 100 oder 500 Dollar die Nacht kosten. Im \u201eGolfito\u201c ist das Bett f\u00fcr acht Dollar die Nacht zu haben ist, ist dennoch ein guter Platz. Es liegt unmittelbar neben dem Anleger der Puerto-Jimenez-Boote. Es ist ein bisschen Run-Down, aber nicht zum F\u00fcrchten. Und es hat Mario.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>Mario, 60, ist Portier im Hotel Golfito.<\/strong> Sein Harr ist grau und kurz geschnitten. Er hat ein breites gutm\u00fctiges Gesicht, tr\u00e4gt Sandalen und Socken. Mario spricht mit einem leichten Lispeln: \u201e25 Jahre habe ich nebenan an der Tankstelle gearbeitet. Seit acht Jahren bin ich in diesem Hotel. Die Duena hat die Tank stelle vor einigen Jahren verkauft. Zu viele Vorschriften, sie wollte das nicht mehr. Jetzt hat sie nur noch dieses Hotel. Ist eine gute Chefin. Sie behandelt und bezahlt mich gut.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Im Fernsehen l\u00e4uft die Fu\u00dfballpartie San Isidro gegen San Jose. San Isidro macht ein Tor in der ersten Halbzeit. Der Kommentator ruft eine dreiviertel Minute lang \u201eGoooaaal\u201c, doch in den Gesichtern der Zuschauer im Vorraum des Hotels ist Entsetzen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eSie habe der Duena angeboten, auch dieses Hotel zu kaufen. Wollen es abrei\u00dfen und was Neues, Modernes hier bauen. Ah, die Duena wei\u00df nicht. Sie \u00fcberlegt noch. Vielleicht macht sie es. Sie ist ja nicht mehr die J\u00fcngste.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>Aus der Karaoke-Bar schr\u00e4g gegen\u00fcber dr\u00f6hnt Musik. <\/strong>Gestalten, allein oder in kleinen Gruppen, schlendern am Rand der nur schwach beleuchteten Stra\u00dfe, an der sich Golfito gewachsen ist. Ein schmaler Schlauch, viele Kilometer lang, nicht breiter als ein Handtuch.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Mario sitzt auf einem Holzstuhl auf dem Balkon, blickt auf die H\u00fchnchenbraterei auf der anderen Stra\u00dfenseite und gibt den Reisenden Tipps: \u201eWenn Du r\u00fcber nach Puerto Jimenez willst, nimm am besten das Schnellboot um f\u00fcnf Uhr morgens. Ich klopfe um 4.30 Uhr an Deine T\u00fcr.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201e5 Uhr? Gibt es kein Schiff , dass sp\u00e4ter f\u00e4hrt.?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eUm 11.30 Uhr. Aber das braucht eineinhalb Stunden. Mit dem Schnellboot bist Du in 20 Minuten dr\u00fcben. Au\u00dferdem f\u00e4hrt das Schiff nicht, wenn Nebel aufzieht oder viel Wind ist. Das letzte Mal ist es vor drei Tagen gefahren.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>Mario nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche.<\/strong> \u201eBesser fr\u00fcher. Am Ende kommst Du hier nicht weg. Um 20 nach f\u00fcnf<span> <\/span>bist Du dr\u00fcben, um sechs Uhr fr\u00fchst\u00fcckst Du, dann suchst Du in aller Ruhe eine Unterkunft und liegst um acht Uhr wieder im Bett und ruhst Dich aus.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wenn Du aus Puerto Jimenez zur\u00fcckkommst, nimm wieder das Schnellboot. Es f\u00e4hrt dr\u00fcben um 6 Uhr ab. Dann bist Du um halb sieben hier und kriegst den Tracopa-Bus nach San Jose und Palmar Norte. Oder den nach Panama. Die fahren direkt, das ist besser.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>San Jose gleicht zum 1:1 aus.<\/strong> Mario steht auf, huscht in den Vorraum des Hotels, wo er noch den \u201eGoooaaal\u201c-Schrei des Kommentators und die Wiederholung der Szene mitkriegt. Dann setzt er sich wieder auf den Balkon: \u201eIch sage den Fremden immer, was am Besten ist. Man muss den Tourismus unterst\u00fctzen. Der Tourismus ist wichtig f\u00fcr uns. Dieses Jahr kommen sowieso weniger Leute. Vielleicht wegen der Krise. Klar, wer seine Arbeit verliert oder den Kredit f\u00fcr sein Haus nicht mehr bezahlen kann, der reist nicht nach Costa Rica.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Mario hat die Zeit noch erlebt, als der Ort Golfito der wichtigste Exporthafen Costa Ricas f\u00fcr Bananen war. \u201eDamals fuhr noch die Eisenbahn hier durch den Ort. Und da dr\u00fcben, wo jetzt die Wohnh\u00e4user stehen, war fr\u00fcher ein gro\u00dfes Lagerhaus der United Brand Banana Company. 1985 war Schluss.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eWas war passiert?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Bananenplantagen wurden durch Krankheiten vernichtet. Au\u00dferdem gab es massive Streiks der Arbeiter. Daraufhin hat die amerikanische Bananenfirma ihr Gesch\u00e4ft hier dicht gemacht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eUnd dann?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>\u201eDie Leute haben ihre Arbeit verloren.<\/strong> Golfito verarmte. 1990 beschloss die Regierung, hier eine Freihandelszone einzurichten, in der die Leute billig Elektroger\u00e4te einkaufen k\u00f6nnen. Seitdem geht es wieder aufw\u00e4rts. Heute kommen die Leute am Vormittag mit den Bussen an, und am Nachmittag fahren sie wieder weg. Packen Stereos und solche Sachen in die Busse ein und fahren wieder zur\u00fcck nach San Jose, Cartago und San Isidros.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eUnd die Amerikaner?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eDie jagen drau\u00dfen auf Ozean die Drogenboote aus Kolumbien und Panama. Die Amerikaner haben schnelle Schiffe mit Waffen. Wir nicht. Manchmal legen sie hier in Golfito an. Dann kommen amerikanische Autos und Laster und versorgen die Kriegsschiffe, ehe sie wieder hinaus aufs Meer fahren.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>Einmal haben die Amerikaner sogar ihre Panzer hier ausgeladen. <\/strong>Die sind direkt durch Golfito gefahren, vor dem Haus vorbei. Ich habe sie nicht gez\u00e4hlt. Das war, als sie dr\u00fcben in Panama General Noriega gejagt haben.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eHat das Euch Costa Ricaner nicht gest\u00f6rt?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eSchon. Wir haben ja selbst kein Milit\u00e4r. Ich wei\u00df nicht, was die mit unserer Regierung ausgehandelt haben. Die Amerikaner sind ja auch woanders. Im Irak. In Afghanistan.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ich mische mich da nicht ein. In der Politik gibt es nur Probleme. Viele Tote da dr\u00fcben im Irak. Ich verstehe das nicht. Der amerikanische Pr\u00e4sident hat gesagt, die Iraker seien mit Schuld an den Anschl\u00e4gen vom 11. September. Aber sie haben nie etwas gefunden, dass das beweisen w\u00fcrde. Sie haben auch Osama bin Laden nie gefunden, obwohl sie doch so tolle Ger\u00e4te haben, so viel Geld ausgeben und mit so vielen Leuten nach im Irak und in Afghanistan sind. Komisch ist das schon.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>Vielleicht wird es mit dem n\u00e4chsten Pr\u00e4sidenten ja besser. <\/strong>Wie hei\u00dft der? Obama, Barack Obama, nicht? Er hat gesagt, dass er die Soldaten nach Hause holen wird. Besser so. Mit Waffen erreicht man nicht. Jeder will seinen Frieden. Ich auch. Ich baue mein Haus, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, immer, wenn ich wieder Geld habe. Ganz in Ruhe, dann regelt sich das schon, im Privaten wie in der Politik.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eWo steht Dein Haus?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eNicht weit von hier. Ein Kilometer vielleicht. Ich mache gerade eine Wand neu. Acht Meter breit, eineinhalb Meter Beton, dar\u00fcber Holz. Das Holz ist morsch, das muss neu gemacht werden. Ich habe jemanden, der macht mir das f\u00fcr 300.000 Colones. Gute Arbeit.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eImmer, wenn Du Geld hast?\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eWenn ich genug gespart habe, mache ich die n\u00e4chste Wand. Ich habe keine Eile.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eDann musst Du mittlerweile ein sch\u00f6nes Haus haben.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201eKein Luxus, ein einfaches Haus. Aber ich und meine Familie f\u00fchlen und wohl dort. Ich will da nicht weg. Einmal hat mir ein Senor 40.000 Dollar f\u00fcr das Haus geboten. In den vergangenen Jahren kamen immer mehr Leute mit Geld. Sie kaufen Gel\u00e4nde und bauen sich darauf sch\u00f6ne H\u00e4user oder teure Hotels.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\u201e40.000 ist ein guter Preis. Damit k\u00f6nntest Du Dir woanders ein noch besseres Haus kaufen.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>\u201eIch will nicht woanders hin. <\/strong>Von dort, wo ich jetzt wohne, kann ich zu Fuss zu meiner Arbeit gehen. Wenn ich mir weiter hinten in Golfito ein Haus kaufe, dort, wo die alten Verwaltungsgeb\u00e4ude der Bananenfirma sind, muss ich immer mit dem Bus fahren. Das ist umst\u00e4ndlich und kostet mich mehr Zeit und Geld.\u201c<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die Partie San Jose \u2013 San Isidro endet unentschieden. Eine Frau aus San Vito checkt noch sp\u00e4t in das Hotel ein. Mario gibt ihr den Schl\u00fcssel f\u00fcr das Zimmer. Er wird auch sie morgen fr\u00fch um 4.30 Uhr wecken, damit sie rechtzeitig das Schnellboot nach Puerto Jimenez erreicht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong>Am n\u00e4chsten Morgen. <\/strong>Um Punkt 4.30 Uhr klopft Mario an meine T\u00fcr. Ich wasche mein Gesicht, ziehe mich an und setze mich zu Mario auf den Balkon. Die Frau aus San Vito ist auch schon da. Es ist noch dunkel. Die D\u00e4mmerung wird erst in einer halben Stunde beginnen. Mario sagt, wir sollten noch ein paar Minuten warten, ehe wir zum Bootssteg gehen. Um 4.50 Uhr erhebt sich Mario und begleitet uns die wenigen Meter bis zum Steg. M\u00e4nner fischen im Dunkeln, andere liegen auf der Mole und schlafen. Die Frau und ich besteigen das kleine Schnellboot, 25 Sitze, zwei Motoren a 300 PS. In der aufziehenden D\u00e4mmerung rasen wir \u00fcber den Golfo Dulce nach Puerto Jimenez. \u00a9 Bergsturz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Gl\u00fcck hat das Hotel Golfito Mario Das \u201eHotel Golfito\u201c ist nicht gerade das Aush\u00e4ngeschild des Costa-Ricanischen Fremdenverkehrs. Die Zimmer sind so einfach wie abgewirtschaftet: Die W\u00e4nde, mit abwaschbarer Farbe bemalt, sind verschmutzt, der Toilettensitz von unz\u00e4hligen Sitzungen abgeschabt. 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