{"id":61,"date":"2009-02-28T09:58:34","date_gmt":"2009-02-28T07:58:34","guid":{"rendered":"http:\/\/bergsturz.net\/?page_id=61"},"modified":"2014-09-23T09:34:18","modified_gmt":"2014-09-23T07:34:18","slug":"der-finder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?page_id=61","title":{"rendered":"Der Finder"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich war ein Finder.<\/strong> Ich fand Dinge. Zuf\u00e4llig. Dinge, die andere Leute liegen gelassen hatten. Gegenst\u00e4nde, die nur selten von gro\u00dfem Wert waren. Die aber fast immer einen Nutzen f\u00fcr mich hatten: Handschuhe, 50-Cent-St\u00fccke, frische Br\u00f6tchen. Es machte mich stolz, ein Leben als Finder zu f\u00fchren. Vielleicht, weil mir das Wenige, das ich fand, zur Zufriedenheit gen\u00fcgte. Vielleicht auch, weil mein Finderdasein etwas von einem Geier hatte. Ich machte sauber.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1475\" style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\" alt=\"Ethiopia_Affe_ (1276)\" src=\"http:\/\/54055846.swh.strato-hosting.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Ethiopia_Affe_-1276-300x224.jpg\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Ethiopia_Affe_-1276-300x224.jpg 300w, https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Ethiopia_Affe_-1276-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Ethiopia_Affe_-1276.jpg 1095w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Mag sein, da\u00df Sie mir nicht gl<span style=\"font-size: 14px;\">auben, doch diese T\u00e4tigkeit erforderte viel Erfahrung. Vor allem die F\u00e4higkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dort, wo die Leute viel Dreck machen, ihre Sachen einfach liegenlassen,\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 14px;\">absichtlich oder aus Nachl\u00e4ssigkei<\/span><span style=\"font-size: 14px;\">t, was wei\u00df ich. Man braucht eine Menge Gesp\u00fcr, schlie\u00dflich eignen sich nicht alle Pl\u00e4tze gleich gut, f\u00fcndig zu werden. Bahnh\u00f6fe, Z\u00fcge, Busse sind geradezu ideal. Verschmierte und verdreckte Orte. Zeitungen liegen herum, halb angefressene Burger quellen aus aufgerissenen Papiert\u00fcten, halb leere Bierdosen stinken vor sich hin. Manchmal auch etwas wertvolles. Oder n\u00fctzliches. Ein Handy, ein Buch, ein Kugelschreiber.<\/span><\/p>\n<p><strong>Parkb\u00e4nke k\u00f6nnen ergiebig sein.<\/strong> Im Sommer, am Abend, wenn die Leute sich erheben und &#8211; in Gespr\u00e4che vertieft &#8211; nach Hause gehen, achten sie nicht darauf, was sie zur\u00fccklassen. Vielleicht, weil sie verge\u00dflich sind. Oder weil sie sich erst vor kurzem verliebt haben und ihnen nun anderes wichtiger ist als irgendein Gegenstand. Ich verabscheue sie, diese Nachl\u00e4ssigkeit.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen vorsichtig sein als Finder. Man k\u00f6nnte Sie beobachten. Auch wenn es nicht so aussieht: Es ist eine Art Kunst, herrenlose Gegenst\u00e4nde m\u00f6glichst unauff\u00e4llig an sich zu nehmen. Behalten Sie nicht nur das Objekt, sondern auch Ihre Umgebung im Auge. Die gr\u00f6\u00dfte Schmach f\u00fcr einen Finder ist es, vor anderen Leuten blo\u00dfgestellt zu werden: nicht als Finder, sondern als Dieb.<\/p>\n<p><strong>Ein guter Finder hat lang und hart trainiert.<\/strong> Die ersten zwei Jahre beschr\u00e4nkte ich mich darauf, zu beobachten. Auch wenn es mir schwer fiel, vermied ich es, nach fremden Dingen zu greifen.<\/p>\n<p>Falls Sie jemals Finder sein wollen, seien Sie gewarnt. Lernen Sie Situationen kennen, lernen Sie, diese Situationen einzusch\u00e4tzen. Halten Sie sich zur\u00fcck, vor allem dann, wenn es sehr verlockend sein mag. Es k\u00f6nnte eine Falle sein.<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4ter, wenn Sie tats\u00e4chlich zugreifen,<\/strong> wenn Sie also f\u00fcr Ordnung sorgen, versichern Sie sich, da\u00df die Gegenst\u00e4nde, die Sie an sich nehmen, wirklich keinen Besitzer mehr haben. Der urspr\u00fcngliche Eigent\u00fcmer k\u00f6nnte pl\u00f6tzlich an den Ort des Verlustes zur\u00fcckkehren. Weil ihm der Verlust bewusst geworden ist. Oder weil er sich eines anderen besonnen hat.<\/p>\n<p><strong>Das Radio<\/strong><\/p>\n<p>Sollte aber niemand kommen, m\u00fcssen Sie kein schlechtes Gewissen haben. Denn wer so mit den Dingen umgeht, hat kein Interesse an ihnen.<br \/>\nSo war es mit diesem kleinen Radio. Es lag auf der Parkbank und schien niemandem zu geh\u00f6ren. Ich freute mich, denn schon immer wollte ich ein derartiges Radio besitzen. Eine praktische Sache. Man kann es in die Jackentasche stecken und \u00fcberall mit hinnehmen. So setzte ich mich, zog eine Zeitung hervor, beobachtete meine Umgebung und wartete. Finder m\u00fcssen Geduld haben. Immerhin h\u00e4tte es sein k\u00f6nnen, da\u00df der ehemalige Besitzer pl\u00f6tzlich aus einem Busch &#8230; . Man h\u00e4tte mir nichts nachweisen k\u00f6nnen.<br \/>\nAber niemand kam. Niemand auch, der mich ansprach. So ernannte ich mich nach etwa sechs Minuten zum neuen Besitzer des Radios, steckte es unter meine Jacke und ging &#8211; best\u00e4rkt in der \u00dcberzeugung, ein guter Finder zu sein &#8211; nach Hause.<\/p>\n<p><strong>Damit begann meine beste Zeit.<\/strong> Denn pl\u00f6tzlich sch\u00e4rfte sich mein Auge f\u00fcr all die herrenlosen Gegenst\u00e4nde, die herumlagen und unsere Welt verschmutzten durch ihre pure Anwesenheit, offensichtlich vergessen, liegen- und arglos zur\u00fcckgelassen, wo doch jeder darauf achten sollte, da\u00df er keine Spuren hinterl\u00e4\u00dft in dieser dicht gedr\u00e4ngten Welt. Das ging so sechs, sieben Jahre, so genau wei\u00df ich das nicht mehr, wenngleich Sie einwenden k\u00f6nnten, der Ordnung halber und vor allem als Finder sollte ich nicht so nachl\u00e4ssig mit der Zeit umgehen. Ich fand Papierfetzen mit Nachrichten in krakeliger Schrift, nur f\u00fcr bestimmte Personen bestimmt; Schuhe, die ihrem fr\u00fcheren Besitzer offenbar nicht mehr dienten, obwohl die Sohlen noch Profil hatten und das Leder ohne Risse war; Tassen und Gabeln, weil irgendjemand angenommen hatte, nach seinem Picknick k\u00f6nnte er diese Utensilien einfach liegenlassen.<\/p>\n<p>Ich war gl\u00fccklich. Weil ich Erfolg hatte. Weil ich mit Adleraugen durch diese schwer durchschaubare Welt streifte und dank meiner Strategie und meiner Erfahrung fand, was ich suchte: Vergessenes, verlorenes Gut, Strandgut der Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Die Ver\u00e4nderung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Doch dann, ich glaube es war ein Montag,<\/strong> bemerkte ich eine Ver\u00e4nderung. Nicht, dass mich meine Finderf\u00e4higkeiten verlie\u00dfen, doch Anzeichen, die mich nachdenklich machten. Ich fuhr mit dem 59er Bus nach Hause. Wie immer schweifte mein Finderblick umher, bis er h\u00e4ngenblieb an einem wei\u00dfen Etwas, einer Plastikfolie, die \u00fcber mir in der Gep\u00e4ckablage lag. Ein neuer Fund, das war mir sofort klar. Doch ich ermahnte mich, Ruhe zu bewahren. Wichtig war, kein Aufsehen zu erregen. Immerhin waren au\u00dfer mir und dem Fahrer noch zwei Damen im Bus. Unwahrscheinlich, aber m\u00f6glich, da\u00df ihnen das Paket geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Mehrmals schielte ich zu der Ablage hinauf, aus den Augenwinkeln, denn die \u00e4lteren Damen sa\u00dfen schr\u00e4g hinter mir. Ich sp\u00fcrte ihre Blicke in meinem Nacken und ich ahnte, dass auch sie es auf das Paket abgesehen hatten, auf dieses wei\u00dfe Etwas, einen Pullover oder ein T-shirt, das konnte ich bis dahin noch nicht sagen. Egal, Kleidungsst\u00fccke, sofern sie XL waren, konnte ich immer gebrauchen.<\/p>\n<p><strong>Ich wartete,<\/strong> bis der 59er an einer der n\u00e4chsten Haltestellen bremste, erhob mich von meinem Sitz und griff im selben Moment nach dem Paket, so da\u00df es wie eine flie\u00dfende Bewegung war, hangelte mich zur T\u00fcr und trat auf den Gehweg. M\u00f6glichst normal tun, sagte ich mir. Doch dann &#8211; entgegen meiner sonst so souver\u00e4nen Art als Finder &#8211; warf ich noch einmal einen kurzen Blick auf die beiden Damen, die mich durch die Scheibe hindurch ansahen, und in ihren Augen glaubte ich ein seltsames, absch\u00e4tzendes L\u00e4cheln zu entdecken. Als wollten sie sagen: Armer Kerl, dass du das n\u00f6tig hast.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchlte mich ertappt und eilte nach Hause. Kaum da\u00df ich meine Wohnung betreten hatte, ri\u00df ich die Plastikfolie meines Fundes auf, faltete das wei\u00dfe, bl\u00fctenwei\u00dfe T-shirt, Gr\u00f6\u00dfe XL, auseinander &#8211; was f\u00fcr ein pr\u00e4chtiges St\u00fcck &#8211; da sah ich ihn, den Aufdruck. Ein Kondom, ein aufgerichtetes Kondom, das vom Bauchnabel bis zum Hals reichte.<br \/>\nDieses Ereignis schw\u00e4chte mein Selbstvertrauen. Ich hatte einen Fehlgriff getan. Und ich war ertappt worden. Das durfte einem Finder nicht passieren. Ich lie\u00df einige Tage passieren, an denen ich mich auf Beobachtungen beschr\u00e4nkte. Ich betrachtete Dinge, die zur\u00fcckgelassen worden waren, ohne Absicht, sie anzur\u00fchren. Ich beobachtete die Leute um mich herum und fragte mich, ob sie wahrnahmen, was ich wahrnahm. Doch sie schienen arglos. So f\u00fchlte ich mich nach einer Woche wieder stark genug, meiner Berufung als Finder nachzugehen.<\/p>\n<p><strong>Der Schirm<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ich fuhr mit dem Regionalexpress<\/strong> um 10.30 Uhr in die Stadt, als mein Blick auf einen Regenschirm fiel, der schr\u00e4g gegen\u00fcber auf einem Sitz lag. Ein gro\u00dfes schwarzes, ein sch\u00f6nes und sicherlich praktisches St\u00fcck, einfach liegengelassen, offenbar ohne Bedeutung f\u00fcr seinen fr\u00fcheren Besitzer. Wieso sonst h\u00e4tte er es zur\u00fccklassen sollen? Und selbst, wenn dieser Schirm f\u00fcr seinen fr\u00fcheren Eigent\u00fcmer eine Bedeutung hatte, so geschah es dieser Person recht, sich nun mit Wehmut an diesen Gegenstand zu erinnern. Nun jedenfalls lag der Regenschirm einfach da auf diesem Sitz, schien keine weitere Aufmerksamkeit zu erregen und brachte meinen Sinn von Ordnung durcheinander.<\/p>\n<p>Ich besitze nur einen kleinen, zusammenlegbaren Schirm, der den Nachteil hat, dass er bei starkem Regen lediglich die obere K\u00f6rperh\u00e4lfte trocken h\u00e4lt. So erstaunt es nicht, wenn pl\u00f6tzlich mein altes, wenn auch nicht immer sehr ausgepr\u00e4gtes Bed\u00fcrfnis erwachte, endlich einmal Besitzer eines gro\u00dfen Regenschirms zu sein.<br \/>\nDer Zug hielt und fuhr weiter und Leute stiegen ein und aus, doch den Schirm beachteten sie nicht. Ich sah aus dem Fenster, sah den Regen, und dachte, da\u00df mir der Schirm bereits heute noch gute Dienste leisten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Es blieben noch zwei Minuten,<\/strong> bis ich aussteigen w\u00fcrde. Ich zog meine Jacke an, griff nach meiner Tasche und machte einen Schritt in den Gang, auf die Sitzbank mit dem Schirm zu. Schon bremste der Zug, schon fuhren wir in den Bahnhof ein, und soeben wollte ich mich nach vorne beugen, um den Schirm an mich zu nehmen, da kam mir eine Hand zuvor. \u201eIst das Ihrer?&#8220;, fragte mich ein \u00e4lterer Mann. \u201eIch wollte ihn gerade dem Schaffner bringen&#8220;, erwiderte ich. \u201eLassen Sie nur&#8220;, sagte der Mann, \u201eich mache das schon&#8220;. Er l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>Ich lief den Bahnsteig entlang. Vor mir der Mann. Er ging am Schaffner vorbei, stieg die Treppen hinab, durchschritt die Bahnhofshalle, trat hinaus ins Freie, wo er kurz innehielt, nach oben blickte und dann diesen pr\u00e4chtigen schwarzen Schirm \u00fcber sich aufspannte.<\/p>\n<p><strong>Zwei Wochen lang<\/strong> zog ich mich in mein Zimmer zur\u00fcck. Wenn ich es f\u00fcr kurze Augenblicke verlie\u00df, dann nur, um mir im Billig-Markt an der Ecke Lebensmittel zu kaufen. Tiefgek\u00fchlte Fertiggerichte, Serbischen Bohneneintopf aus der Dose und abgepackte Salami zu 2,99 Mark f\u00fcr 150 Gramm. Ich war tief getroffen. Man war mir zuvor gekommen. Ein Laie offensichtlich hatte mich mit einer einfachen Frage disqualifiziert. So etwas durfte einem Finder nicht passieren.<\/p>\n<p>Am vergangenen Sonntag hatte ich wieder ausreichend Mut gesch\u00f6pft. Ich wollte es noch einmal versuchen. Es war 16.30 Uhr, als ich nach drei Stunden ziellosen Umherirrens nach Hause fahren wollte. Acht Stationen mit dem Zug. Er hatte Versp\u00e4tung, und so setzte ich mich auf eine Bank, wartete und sah den Leuten zu, die an mir vorbeigingen. Es war einer dieser Sonntagnachmittage, an denen Melancholie und Ereignis\u00aclosigkeit eins geworden waren, an denen nichts geschah, und an denen auch nichts mehr geschehen w\u00fcrde. Einer jener Sonntagnachmittage, von denen nichts zu erwarten war. Ich hatte beschlossen, mich f\u00fcr den Rest des Tages in mein Bett zu legen, den Fernseher einzuschalten und eine Flasche Rotwein zu leeren.<\/p>\n<p><strong>Das Paket<\/strong><\/p>\n<p>Eben das malte ich mir in Gedanken aus, als dieses Paket neben mir entdeckte. Unschuldig lag es auf der Bank neben mir, vergessen oder absichtlich zur\u00fcckgelassen, was wei\u00df ich. Lag da und dr\u00e4ngte sich geradezu auf, mitgenommen zu werden. Offensichtlich war ich dazu bestimmt, es an mich zu nehmen. Wie sonst h\u00e4tte man sich diese Begegnung erkl\u00e4ren sollen? Mit dieser Erkenntnis beugte ich mich \u00fcber das Paket, um es ein wenig zu \u00f6ffnen. Ich riss ein St\u00fcck der Papierumh\u00fcllung auf, und was ich sah, lie\u00df diesen Nachmittag pl\u00f6tzlich viel freundlicher erscheinen: Torten, vier St\u00fccke, wie ich auf die Schnelle erkannte. Eine Erdbeertorte, eine Schwarzw\u00e4lderkirsch, ein K\u00e4seteilchen und ein beachtliches St\u00fcck Eierlik\u00f6rtor\u00acte. Vier stattliche St\u00fccke, offenbar noch ziemlich frisch, denn die Sahne war &#8211; wie ich durch einen Fingerdruck bemerkte &#8211; noch ganz weich. Ich malte mir aus, wie ich Kaffee kochen, den Tisch mit Decke, Kerze und sauberem Besteck zieren und dann loslegen w\u00fcrde: Mit Vorfreude auf das Kommende das erste St\u00fcck, mit Wohlwollen das zweite Exemplar, gen\u00fcsslich Nummer drei und schlie\u00dflich, wenn auch der Kaffee allm\u00e4hlich zur Neige ging, w\u00fcrde ich als Kr\u00f6nung das vierte St\u00fcck Torte in mich hineinzwingen: die Schwarzw\u00e4lderkirsch. Was f\u00fcr eine Freude, was f\u00fcr eine Qual, was f\u00fcr ein Sonntagnachmittag.<\/p>\n<p><strong>So dachte ich,<\/strong> als sich ein Herr auf der anderen Seite des Tortenpakets, meines Pakets, niederlie\u00df. Eine elektronische Anzeige sagte mir, da\u00df erst der Zug zur S\u00fcdstadt einfahren und dann, zwei Minuten sp\u00e4ter, mein Zug kommen w\u00fcrde. Nicht mehr lange also, bis ich mich dem Genu\u00df hingeben konnte. Schon rauschte eine Windwalze heran, die der erste Zug vor sich herschob. Er tauchte aus einer Tunnelr\u00f6hre in die Neonhelle des Bahnsteigs und bremste. Ich konnte ihn f\u00f6rmlich riechen, den Kaffee, ich sah sie vor mir, die Teller und Tassen, und zwei Meter weiter der Fernseher, der den Musikantenstadl oder die Lindenstra\u00dfe in mein Zimmer \u00fcbertragen w\u00fcrde, so lange ich die vier Tortenst\u00fccke verzehrte.<\/p>\n<p>Fast stand er schon, der Zug. Die Leute erhoben sich von ihren B\u00e4nken und str\u00f6mten auf die T\u00fcren zu, die sich nun \u00f6ffneten. Mit ihnen erhob sich auch der Mann, der neben mir gesessen war. Gem\u00e4chlich und ohne nach rechts oder links zu schauen, ging er auf den Zug zu. Und erst, als er in den Waggon trat und sich dabei mit einem L\u00e4cheln zu mir umdrehte, sah ich das Paket in seinen H\u00e4nden.<\/p>\n<p><strong>Hier sitze ich, schon seit Stunden,<\/strong> und nippe an einem Glas Bier. Sitze herum und stiere vor mich hin. Haben Sie den Mann da drau\u00dfen gesehen? Fegt die Zigarettenkippen auf. Vorhin hat einer seinen Schal liegen gelassen. Es hat keine f\u00fcnf Minuten gedauert, und ein anderer hat ihn an sich genommen. Was bleibt da noch f\u00fcr mich zu tun?<br \/>\nDie Dinge liegen herum, und ich gehe an ihnen vorbei. Ich habe meine Berufung verloren. Ich bin kein Finder mehr. Es gibt zu viele davon. Immer andere, die f\u00fcr Ordnung sorgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war ein Finder. Ich fand Dinge. Zuf\u00e4llig. Dinge, die andere Leute liegen gelassen hatten. Gegenst\u00e4nde, die nur selten von gro\u00dfem Wert waren. 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