{"id":64,"date":"2009-02-28T22:50:13","date_gmt":"2009-02-28T20:50:13","guid":{"rendered":"http:\/\/bergsturz.net\/?page_id=64"},"modified":"2016-11-06T19:54:03","modified_gmt":"2016-11-06T17:54:03","slug":"enrique-das-krisenprodukt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?page_id=64","title":{"rendered":"Enrique, das Krisenprodukt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Krise\u00a0ist hartn\u00e4ckig<\/strong>.\u00a0Obwohl die Krise\u00a0im Grunde einen vor\u00fcbergehenden Zustand charakterisiert,\u00a0liegt\u00a0ihr\u00a0Ph\u00e4nomen in\u00a0der t\u00e4glichen\u00a0Wiederkehr.\u00a0Die\u00a0Krise\u00a0lauert hinter jeder Ecke.\u00a0Sie begegnet Dir\u00a0in\u00a0Form\u00a0beunruhigender Schlagzeilen\u00a0an\u00a0den\u00a0Zeitungskiosken.\u00a0Sie krallt sich\u00a0in Deinem\u00a0Portemonnaie\u00a0fest: Das Rechnen mit\u00a0vier\u00a0Nullen f\u00e4llt\u00a0schwer,\u00a0zumal sich der Teiler t\u00e4glich \u00e4ndert.\u00a0In der\u00a0Krise\u00a0bekommt der\u00a0Umtauschkurs Beine, w\u00e4hrend Du in der\u00a0Wechselstube\u00a0wartest. Die Fabriktore werden mit schweren Ketten verschlossen und auf den Stra\u00dfen schlurfen pl\u00f6tzlich um zwei Uhr nachmittags M\u00e4nner um die 35 herum.<\/p>\n<p>Enrique\u00a0ist ein Produkt dieser Krise.\u00a0Es\u00a0war\u00a0vor rund vier Jahren,\u00a0als er begann, sich\u00a0zur\u00fcckzuziehen. Gezwungenerma\u00dfen. \u201eWegen der Krise\u201c, sagt er. Seine Firma hatte immer weniger Auftr\u00e4ge. Eines Morgens rief der Inhaber zur Betriebsversammlung. Noch am selben Tag r\u00e4umte Enrique seinen Schreibtisch.<\/p>\n<p><strong>Er hielt sich noch eine Weile \u00fcber Wasser<\/strong>. Er brauchte sein Erspartes auf. Aber\u00a0am 16.\u00a0des \u00fcbern\u00e4chsten Monats war Schluss.\u00a0Er konnte Bus und Bier\u00a0nicht mehr\u00a0bezahlen. Daraufhin\u00a0schloss\u00a0er\u00a0die Wohnungst\u00fcr von innen zu und entschied,\u00a0seine vier W\u00e4nde fortan nicht mehr zu verlassen.\u00a0Immerhin,\u00a0die Wohnung, ein Produkt besserer Zeiten, geh\u00f6rte ihm.<\/p>\n<p>\u201eKrise?\u00a0&#8211; interessiert mich nicht mehr,\u00a0hat er\u00a0damals nach dem Wandel in seinem\u00a0Leben\u00a0l\u00e4chelnd erkl\u00e4rt.\u00a0\u201eErh\u00f6hung der Fahrpreise\u00a0um\u00a050 Prozent; Salami\u00a070 Prozent\u00a0teurer als\u00a0gestern; Telephongeb\u00fchren\u00a0erneut um 400 Prozent gestiegen &#8211; interessiert mich nicht.\u201c\u00a0Er\u00a0zuckte k\u00fchl\u00a0mit den Schultern und\u00a0riss\u00a0sich\u00a0eine Banane von der Staude, die\u00a0neuerdings in\u00a0seinem Wohnzimmer gedieh.\u00a0In der Ecke,\u00a0dort wo der\u00a0Schrank stand,\u00a0z\u00fcchtete\u00a0er fortan Kartoffeln und Mais.\u00a0Spargel in\u00a0der K\u00fcche,\u00a0Kohl und Weintrauben im Flur.\u00a0Auf dem Balkon hatte\u00a0der letzte Regenguss die Eimer mit reichlich Trinkwasser gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>&#8222;<strong>Ich bewegte mich m\u00f6glichst wenig<\/strong>, um den Abrieb\u00a0der Schuhsohlen gering zu halten.\u00a0Meistens lag\u00a0ich\u00a0auf meiner Pritsche und tat gar nichts.\u00a0So verbrauchte ich am wenigsten Energie.\u201c\u00a0Enrique lacht, wenn er zur\u00fcckdenkt.<\/p>\n<p>\u201eIch\u00a0lebte\u00a0autark\u00a0und unabh\u00e4ngig von meiner\u00a0Umgebung\u00a0in\u00a0meinem \u201eWohnzimmer Amazonas\u201c\u00a0&#8211; so nannte ich das\u00a0Pflanzendickicht\u00a0in meinen drei R\u00e4umen,\u00a017.\u00a0Stock,\u00a0Stadtzentrum.\u00a0Mutter Natur\u00a0gab\u00a0mir alles,\u00a0was ich brauchte.\u00a0Die Fenster hatte\u00a0ich Sommer und Winter ge\u00f6ffnet, und der Wind trieb Regen und Staub in die\u00a0R\u00e4ume.\u00a0Selbst\u00a0V\u00f6gel,\u00a0Meerschweinchen\u00a0und Katzen\u00a0hatten\u00a0sich\u00a0zwischen\u00a0K\u00fcche\u00a0und\u00a0Klo niedergelassen.<\/p>\n<p><strong>Wenn\u00a0es kalt wurde<\/strong> oder ich kochen wollte,\u00a0legte\u00a0ich einen Holzscheit auf die\u00a0Feuerstelle, die\u00a0ich aus dicken Backsteinen in der Mitte des Wohnzimmers\u00a0errichtet\u00a0hatte.\u00a0Zeitung, Radio,\u00a0Fernseher,\u00a0Telephon\u00a0schaffte\u00a0ich\u00a0dagegen ab,\u201c erinnert\u00a0er sich.<\/p>\n<p>\u201eAlles\u00a0in allem\u00a0 bin aber\u00a0ziemlich zufrieden gewesen. Ich hatte\u00a0mich mit\u00a0meiner Situation abgefunden,\u00a0h\u00f6rte dem Gesang der V\u00f6gel zu, schlief ausgiebig und las die alten B\u00fccher zum drittel Mal.\u00a0Mich von\u00a0den monatlichen Abgaben f\u00fcr\u00a0Licht,\u00a0Wasser,\u00a0Fahrstuhl\u00a0und M\u00fcllabfuhr\u00a0auszuschlie\u00dfen\u00a0hat\u00a0allerdings viel\u00a0M\u00fche\u00a0gekostet. Aber h\u00e4tte ich denn f\u00fcr den Aufzug zahlen sollen,\u00a0wenn ich ihn gar nicht mehr benutzte?<\/p>\n<p><strong>Drei Jahre lebte ich so<\/strong>. Die Krise entwickelte sich, ohne dass sie mich weiter betraf. Manchmal zogen unter meinem\u00a0Fenster Demonstranten vor\u00fcber, und\u00a0ich konnte\u00a0den\u00a0Rufen der w\u00fctenden Menschen entnehmen,\u00a0dass der Preis f\u00fcr Rasierschaum wieder um 180 Prozent gestiegen sein musste.<\/p>\n<p>Eines\u00a0Tages begann mein K\u00f6rper pl\u00f6tzlich Mangelerscheinungen\u00a0zu zeigen. Ich vermutete, dass ihm die st\u00e4ndige Zufuhr von Maiskolben und Regenwasser nicht gut bekam. Au\u00dferdem machte mir im\u00a0Verlauf der\u00a0Jahre die Abgeschiedenheit des 17.\u00a0Stocks mehr und mehr\u00a0zu schaffen.\u00a0Das wirkte sich\u00a0schlecht auf\u00a0meinen\u00a0Gem\u00fctszustand aus.\u00a0Auch\u00a0hatte\u00a0ich\u00a0zunehmend\u00a0heftigere Auseinandersetzungen\u00a0mit\u00a0meinen Unterbewohnern,\u00a0die sich\u00a0\u00fcber angebliche Tropfen an ihrer Wohnzimmerdecke beklagten und nun auf der Suche nach der Ursache Einlass in meine Wohnung verlangten.<\/p>\n<p><strong>In dieser Zeit<\/strong> kamen pl\u00f6tzlich st\u00e4ndig fremde Leute an meine T\u00fcr. Einmal sogar eine ganze Familie, die fragte,\u00a0ob sie mal reinschauen d\u00fcrfte. Die Krise h\u00e4tte ihre s\u00e4mtlichen Ersparnisse aufgezehrt. Nun sei\u00a0man auf der\u00a0Suche nach einer alternativen Lebensform. Man habe erfahren,\u00a0dass ich bereits einen neuen Weg gefunden h\u00e4tte. Eine Woche sp\u00e4ter klingelten die n\u00e4chsten Leute bei mir.\u00a0Auch ihnen zeigte ich meinen K\u00fcchenkulturacker. Dann kamen die Menschen in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden. Alle wollten wissen, wie ich so gut durch die Krise kam. Sie boten mir sogar Geld an.<\/p>\n<p>Ich dachte mir, dass ich Gleichheit f\u00fcr alle herstellen musste und verlangte von jedem Besucher f\u00fcnf Dollar. Man sagte mir, dass sei angesichts der Inflation angemessen. Immerhin kostete die Zugfahrt nach Pasing schon zw\u00f6lf Dollar.<\/p>\n<p>&#8222;Dollar?&#8220;, fragte Enrique die Leute.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wissen Sie denn nicht<\/strong>, dass der Euro l\u00e4ngst abgeschafft ist?&#8220;, sagten die Leute.<\/p>\n<p>\u201eTja\u201c, &#8211;\u00a0Enrique\u00a0zieht\u00a0das\u00a0Wort in die L\u00e4nge \u2013 \u201ees\u00a0hat\u00a0sich\u00a0viel ver\u00e4ndert. Die Leute rannten mir f\u00f6rmlich die Bude ein, je l\u00e4nger die Krise dauerte. Alle wollten wissen, wie man in einer Wohnung Bananen und Tomaten z\u00fcchtet.<\/p>\n<p><strong>Nach\u00a0drei\u00a0Monaten <\/strong>kaufte\u00a0ich\u00a0mir ein Appartement,\u00a0gehobene\u00a0Ausstattung. Ich konnte mir eine tolle K\u00fcche und ein neues Auto leisten, gehobene Klasse. Es gab ja nur noch diesen einen Hersteller. Es ging mir pl\u00f6tzlich finanziell richtig gut. Ich musste das Geld nur schnell genug ausgeben, damit es die Inflation nicht auffra\u00df.<\/p>\n<p>Enrique reibt sich die Augen und blickt tr\u00e4umend in die Ferne.<\/p>\n<p><strong>Von da\u00a0an<\/strong> habe ich ein Doppelleben\u00a0gef\u00fchrt: Unter\u00a0der\u00a0Woche\u00a0b\u00fcrgerlich-normal,\u00a0w\u00e4hrend ich an den\u00a0Wochenenden\u00a0weiterhin\u00a0das Krisenprodukt spielte. Ich war, sozusagen, schizophren.\u00a0Verstehen Sie? Ich meine, ich war reich. Ich konnte mir ast alles leisten. Und trotzdem\u00a0schloss ich regelm\u00e4\u00dfig meinen \u201eWohnzimmer-Amazonas\u201c\u00a0auf,\u00a0legte\u00a0mich still\u00a0auf\u00a0meine Pritsche\u00a0oder\u00a0entfachte im Ofen ein kleines Feuer und\u00a0wechselte\u00a0hin\u00a0und wieder\u00a0einige\u00a0Worte\u00a0mit\u00a0den\u00a0Besuchern, die in einer langen Schlange durch meine Wohnung gingen.<\/p>\n<p>Um mir das Leben zu erleichtern, f\u00fchrte ich \u00d6ffnungszeiten ein: Von neun bis 12 und von 14 bis 17 Uhr. Den Eintritt\u00a0erh\u00f6hte ich aufgrund des hohen Andrangs auf\u00a0zehn Dollar. Beratungsstunden zu Krisenthemen\u00a0rechnete ich extra ab.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Enrique lehnt sich vor<\/strong>: &#8222;Ich kann nur hoffen,\u00a0dass die Krise noch lange anh\u00e4lt.\u201c Mit einem Grinsen im Gesicht f\u00fcgt er hinzu:\u00a0\u201e633 Prozent Inflation im Monat f\u00fcllen meinen K\u00fchlschrank. Ich\u00a0esse Bananen\u00a0aus silbernen Sch\u00e4lchen.\u201c<\/p>\n<p>Und in einem Nachsatz,\u00a0leiser: &#8222;Seitdem ich\u00a0Berater der Regierung\u00a0in\u00a0Sachen\u00a0Krise geworden bin, mache ich mir\u00a0\u00fcber\u00a0unsere\u00a0\u2013 Entschuldigung: meine Zukunft &#8211; \u00fcberhaupt keine Gedanken mehr.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Krise\u00a0ist hartn\u00e4ckig.\u00a0Obwohl die Krise\u00a0im Grunde einen vor\u00fcbergehenden Zustand charakterisiert,\u00a0liegt\u00a0ihr\u00a0Ph\u00e4nomen in\u00a0der t\u00e4glichen\u00a0Wiederkehr.\u00a0Die\u00a0Krise\u00a0lauert hinter jeder Ecke.\u00a0Sie begegnet Dir\u00a0in\u00a0Form\u00a0beunruhigender Schlagzeilen\u00a0an\u00a0den\u00a0Zeitungskiosken.\u00a0Sie krallt sich\u00a0in Deinem\u00a0Portemonnaie\u00a0fest: Das Rechnen mit\u00a0vier\u00a0Nullen f\u00e4llt\u00a0schwer,\u00a0zumal sich der Teiler t\u00e4glich \u00e4ndert.\u00a0In der\u00a0Krise\u00a0bekommt der\u00a0Umtauschkurs Beine, w\u00e4hrend Du in der\u00a0Wechselstube\u00a0wartest. 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