{"id":70,"date":"2009-03-02T22:48:53","date_gmt":"2009-03-02T20:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/bergsturz.net\/?page_id=70"},"modified":"2009-03-02T22:48:53","modified_gmt":"2009-03-02T20:48:53","slug":"die-krise-im-paradies","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?page_id=70","title":{"rendered":"Krise im Paradies"},"content":{"rendered":"<p><em>Dezember 2008: Die weltweite Wirtschaftskrise macht vor keinem Land mehr Halt. Auch Costa Rica, Naturperle und Touristenmagnet in Mittelamerika, sp\u00fcrt zunehmend die Folgen des \u00f6konomischen Abschwungs. Vor allem die Besucher aus den USA bleiben angesichts gro\u00dfer eigener Probleme zunehmend zuhause. Mit einschneidenden Konsequenzen f\u00fcr das kleine karibische Land, dass sich ganz dem \u00d6kotourismus verschrieben hat und ein Refugium f\u00fcr zivilisationsm\u00fcde Nordamerikaner ist.<\/em><\/p>\n<p><strong>Manuel,<\/strong> der Dschungelf\u00fchrer aus La Palma, sieht die Entwicklung n\u00fcchtern. \u201eEs gibt dicke K\u00fche, und es gibt d\u00fcnne K\u00fche. Ebenso gibt es gute Jahre und schlechte Jahre. Jetzt kommen die schlechten.&#8220;<\/p>\n<p>Manuel kommt gerade aus dem Corcovado-Nationalpark zur\u00fcck, auf der Osa-Halbinsel, im S\u00fcdwesten Costa Ricas, gelegen. Der Park ist ein \u00f6kologisches Juwel. Der Dschungel darf hier noch Dschungel sein &#8211; das wissen auch die Br\u00fcllaffen, Tapire und Quetzals zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><strong>Nachdem Manuel<\/strong> seine Klienten, ein Schweizer P\u00e4\u00e4rchen, nach drei Tagen Dschungeltour wieder im Hotel abgeliefert hat, wei\u00df er nicht, wann er seinen n\u00e4chsten Auftrag haben wird. Das ist ungewohnt f\u00fcr ihn. Doch die mageren Zeiten machen sich auch in seinem Gesch\u00e4ft bemerkbar: \u201eIn den letzten Monaten kommen viel weniger Leute hierher. Wegen der Krise.&#8220;<\/p>\n<p>Mit &#8222;die Krise&#8220; meint er den wirtschaftlichen Absturz, der derzeit weltweit Unternehmen, Banken, Besch\u00e4ftigte und Konsumenten in Atem h\u00e4lt &#8211; und teilweise in nackte Panik versetzt. &#8222;Die Krise&#8220;, die in den USA und den westlichen Industrienationen ihren Ausgang genommen hat, ist l\u00e4ngst in den Entwicklungs- und Schwellenstaaten angekommen.<\/p>\n<p><strong>Costa Rica <\/strong>ist ein Indikator daf\u00fcr, wie weit die wirtschaftlichen Verwerfungen mittlerweile in das reale Leben rund um den Globus hineinreichen. Das mittelamerikanische Natur-Einod h\u00e4ngt stark vom Zustrom nordamerikanischer und kanadischer Touristen ab. Sie machen 46 Prozent der rund zwei Millionen Ausl\u00e4nder aus, die jedes Jahr das schmale Land zwischen Atlantik und Pazifik besuchen. Der Tourismus sp\u00fclt j\u00e4hrlich 1,9 Milliarden Dollar nach Costa Rica &#8211; knapp acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes, wie das staatliche Tourismusinstitut ICT errechnet hat. Tausende von Herbergen &#8211; von der einfachen Cabana f\u00fcr 15 Dollar bis zum Luxusresort f\u00fcr 1000 Dollar pro Nacht \u00ad\u00ad- haben sich darauf eingestellt, dass Jahr f\u00fcr Jahr im Dezember mit einsetzender Trockenzeit der Strom der Fremden die Betten und die Kassen f\u00fcllt. Umso schmerzhafter, wenn genau diese Klientel nun zunehmend ausbleibt.<\/p>\n<p>&#8222;Der Turismus bricht ein&#8220;, titelte k\u00fcrzlich die landesweite Zeitung La Nacion. Um zehn Prozent habe der Tourismus in den zw\u00f6lf Monaten bis Ende Oktober 2008 nachgelassen, stellte seinerseits das ICT fest. Und das war noch vor der hei\u00dfen Phase des Wirtschaftstaumels. Seit November, so die Bef\u00fcrchtung in Costa Rica, d\u00fcrften die Touristenzahlen nochmal deutlich zur\u00fcckgegangen sein.<\/p>\n<p><strong>Mario kann dies unmittelbar beobachten.<\/strong> Der 60j\u00e4hrige ist Portier im Hotel Golfito in der gleichnamigen Kleinstadt an der s\u00fcdlichen Pazifikk\u00fcste. Seit acht Jahren arbeitet er hier &#8211; und noch nie sind so wenige Touristen gekommen, wie in den vergangenen Wochen und Monaten: &#8222;Klar, wer seine Arbeit verliert oder den Kredit f\u00fcr sein Haus nicht mehr bezahlen kann, der reist nicht nach Costa Rica&#8220;, stellt Mario n\u00fcchtern fest und verfolgt mit einem Auge im Fernsehen die Fu\u00dfballpartie San Jose gegen San Isidro. Er wei\u00df um die Bedeutung des Tourismus f\u00fcr sein Land. Ohne die Fremden w\u00fcrde nicht nur die Region am Golfo Dulce, sondern das gesamte Land leiden. Ohne die Touristen w\u00fcrde die Fluglinie &#8222;Nature Air&#8220; kaum Passagiere haben. Ohne die Touristen m\u00fcsste das Schnellboot, dass hinter dem Hotel Golfito abf\u00e4hrt, seinen Dienst einstellen. Und ohne Touristen w\u00fcrden 13,3 Prozent der Besch\u00e4ftigten im Land ohne Arbeit dastehen.<\/p>\n<p>Mario ist ein gutm\u00fctiger Mensch mit kurzen, grauen Haaren. 25 Jahre lang hat er an der Tankstelle nebenan gearbeitet, bis seine Chefin sie verkaufte. &#8222;Zu viele Vorschriften&#8220;, sagt Mario. Doch auch ihr Hotel l\u00e4uft seit einiger Zeit nicht mehr gut. Mario zeigt auf die vielen Schl\u00fcssel, die unbenutzt an der Wand hinter der Rezeption h\u00e4ngen, w\u00e4hrend San Jose zum 1:1 ausgleicht und der Fernsehkommentator ein langes \u201eGoooaaal&#8220; in das Land hinausschreit: \u201eIch gebe den Fremden immer gute Tipps. Das ist wichtig. Man muss den Tourismus unterst\u00fctzen. Erst recht, wenn immer weniger Leute kommen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Fremden bleiben nicht nur aus<\/strong>, sie kehren dem Land auch zunehmend den R\u00fccken. Jim Carnigan ist Immobilienmakler aus Florida, der sich vor drei Jahren am Ufer des Arenal-Sees zu F\u00fc\u00dfen des gleichnamigen Vulkans niedergelassen hat. Eine sch\u00f6ne Landschaft, in der sich zahlreiche US-Amerikaner ihren Traum vom Erst- oder Zweitwohnsitz erf\u00fcllt haben. Doch f\u00fcr Viele ist der Traum zuletzt angesichts des alarmierenden Schwundes ihrer privaten Bankkonten zur Belastung geworden. &#8222;Die Gesch\u00e4fte laufen schlecht&#8220;, sagt Carnigan. &#8222;Viele ausl\u00e4ndische Hausbesitzer wollen verkaufen, aber kaum jemand kauft&#8220;, klagt er und nippt an seinem Trinkbecher, w\u00e4hrend er mit der rechten Hand seinen Toyota Landcruiser durch die Kurven an den Ausl\u00e4ufern des Arenal lenkt.<\/p>\n<p>Dabei ist der Einbruch im Costa-Ricanischen Tourismus-und Immobiliengewerbe nur die Spitze einer weitaus breiteren Entwicklung. Das wirtschaftliche Beben geht durch ganz Mittelamerika &#8211; und durch viele Branchen. Nach Sch\u00e4tzungen von Experten sind in der Region in den vergangenen Monaten 35000 Arbeitspl\u00e4tze verloren gegangen &#8211; allein 19000 sollen es in Nicaragua und hier insbesondere in der Textilproduktion sein.<\/p>\n<p><strong>Die Krise<\/strong> l\u00e4sst Federico am grunds\u00e4tzlichen Kurs der Weltwirtschaft zweifeln. Federico ist Besitzer der \u201eCabanas The Corner&#8220; in Puerto Jimenez, einer Siedlung am Rande der Osa-Halbinsel. Die Betten seiner Billigunterkunft bleiben neuerdings immer \u00f6fter leer. Er fragt sich, ob die Welt nicht zu schnell gewachsen ist. Vor allem China. Das k\u00f6nne nicht gut gehen: &#8222;Wenn China hustet, kriegen alle Anderen einen Schnupfen.&#8220;<\/p>\n<p>Federico fragt sich auch, wie viele Menschen auf der Erde ein eigenes Auto fahren k\u00f6nnen: \u201eWenn k\u00fcnftig auch noch jeder Costa Ricaner und jeder Chinese Auto f\u00e4hrt, wird die Erde zu hei\u00df. Das kann nicht funktionieren.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Federico denkt an andere L\u00f6sungen<\/strong>. An einen besseren \u00f6ffentlichen Transport. An neue und umweltfreundlichere Antriebe f\u00fcr Autos. An ein Leben nach dem \u00d6l. Eine neue Wirtschaftsordnung, so seine Hoffnung, k\u00f6nnte auch der Beginn eines neuen wirtschaftlichen Aufschwungs sein. Und damit auch die Touristen nach Costa Rica zur\u00fcckbringen. \u00a9 Bergsturz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dezember 2008: Die weltweite Wirtschaftskrise macht vor keinem Land mehr Halt. Auch Costa Rica, Naturperle und Touristenmagnet in Mittelamerika, sp\u00fcrt zunehmend die Folgen des \u00f6konomischen Abschwungs. 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