{"id":1831,"date":"2021-09-15T13:00:58","date_gmt":"2021-09-15T11:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/54055846.swh.strato-hosting.eu\/?p=1831"},"modified":"2021-09-16T08:32:48","modified_gmt":"2021-09-16T06:32:48","slug":"hurtigrutens-mogelpackung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?p=1831","title":{"rendered":"Hurtigrutens Mogelpackung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kreuzfahrtunternehmen, Trekkingveranstalter und W\u00fcstenfahrer verkaufen ihre Reisen gerne als Expeditionen. Das ist meistens glatt gelogen. Echte Expeditionen gibt es in unserer Welt kaum noch \u2013 h\u00f6chstens zu uns selbst.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/54055846.swh.strato-hosting.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/P8100180.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1862\" src=\"http:\/\/54055846.swh.strato-hosting.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/P8100180-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"513\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/P8100180-300x225.jpg 300w, https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/P8100180-768x576.jpg 768w, https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/P8100180-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/bergsturz.net\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/P8100180.jpg 1383w\" sizes=\"(max-width: 513px) 100vw, 513px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Expedition ist qua Definition die Forschungsreise einer Personengruppe in unerschlossene beziehungsweise vorher nicht betretene Gebiete. Insofern ist es eine gewagte Aussage der norwegischen Postschiffgesellschaft Hurtigruten, Expeditionen ins Land der Mitternachtssonne \u2013 in diesem Fall Spitzbergen \u2013 anzubieten. Was es mit einer Expedition zu tun hat, wenn man eine bereits tausendfach bereiste Region bei einem Cocktail vom bequemen Clubsessel aus betrachtet, bleibt das Geheimnis der mittlerweile zum Touristikkonzern mutierten Firma.<\/p>\n<p>Immerhin, um werbende Worte ist Hurtigruten nicht verlegen. Mit kr\u00e4ftigen Adjektiven lockt das Unternehmen, dieses \u201eeinzigartige\u201c und \u201ebedrohte\u201c Naturreservat zu besuchen. Von einer \u201eeinmaligen Expedition n\u00f6rdlich des Polarkreises\u201c ist die Rede, eventuell werde sogar der 80.Breitengrad \u00fcberfahren \u2013 wahrscheinlich f\u00fchlen sich die Expeditionsteilnehmer dort besser als s\u00fcdlich davon. Eventuell sehen sie sogar einen Eisb\u00e4ren. Potenzielle Expeditionisten sollten also schnell buchen, ehe das Naturjuwel an Glanz verliert und der Eisb\u00e4r\u00a0mit der abtauenden Eisscholle im Meer versinkt. Da scheint es eher nebens\u00e4chlich, dass die Schiffe, wenngleich mit \u201efortschrittlicher Umwelttechnologie\u201c ausgestattet, durch ihren CO2-Aussto\u00df einen Beitrag leisten, den Eisschwund zu beschleunigen.<\/p>\n<p><strong>Organisierte\u00a0<\/strong><strong>Reisen mit Komfort<\/strong><\/p>\n<p>Auch Outdoor- und Alpinreiseveranstalter nehmen den Begriff Expedition gerne in den Mund. Firmen wie Amical Alpin, Diamir oder Kobler &amp; Partner f\u00fchren eigene Rubriken mit diesem Titel. Gemeint sind damit durchorganisierte Reisen zu hohen Bergen bei gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichem Komfort: Tr\u00e4ger schleppen die Lasten, K\u00f6che sorgen f\u00fcr das Wohlbefinden, es gibt Duschen und zumindest zeitweise Internet. Mittels aktuellem Wetterbericht wird das bestm\u00f6gliche Zeitfenster f\u00fcr einen Gipfelaufstieg ermittelt und damit das Risiko von st\u00f6render Wolkenbildung reduziert.<\/p>\n<p>Zugleich dehnen die Veranstalter die Bedeutung des Begriffs Expedition weit aus: Hauser Exkursionen bezeichnet beispielsweise die j\u00e4hrlich hundertfache Besteigung des 6962 Meter hohen Aconcagua in Argentinien als eine eben solche Expedition. Tats\u00e4chlich handelt es sich dabei um einen alpinen Spaziergang, wenngleich in stattlicher H\u00f6he.<\/p>\n<p>Die Firma Arktis Tours \u00fcbt sich hingegen in kreativer Wortsch\u00f6pfung und verkauft \u201eExpeditions-Kreuzfahrten\u201c, versucht also, entbehrungsreiche Neulandsuche mit Komfort zu vereinen. Das ist in etwa so, wie mit dem Reisebus die Gro\u00dfglocknerstra\u00dfe hinaufzufahren und die traurigen Gletscherreste zu betrachten. Oder per Glacier-Express durch die herausgeputzte Schweizer Alpenwelt zu rollen. Nett und angenehm, hat aber mit einer Expedition nichts zu tun. \u00dcbrigens: F\u00fcr 27.695 Euro kann man sich bei Arktis Tours auch mit einem Atomeisbrecher durch das dank Klimaerw\u00e4rmung br\u00fcchige Eis zum Nordpol bringen lassen und sich dort f\u00fcr ein Social-Media-w\u00fcrdiges Foto Hand in Hand mit anderen wagemutigen Expeditionsteilnehmern im Kreis um den Pol aufstellen. Man sollte nur aufpassen, nicht zu weit nach hinten zu treten, da die Schollen recht fragil sind.<\/p>\n<p><strong>Zeit f\u00fcr Expeditionen ist vorbei<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn es uns die Marketingleute von Hurtigruten und Co. glauben machen wollen: Die Zeit f\u00fcr echte Expeditionen ist vorbei. Nahezu s\u00e4mtliche Punkte unserer Erde sind betreten, die wesentlichen Bergw\u00e4nde durchstiegen, die Pole zigfach besucht, H\u00f6hlen vermessen und W\u00fcste durchfahren. Expeditionen waren fr\u00fcher, als Scott und Amundsen zum S\u00fcdpol und die Amerikasiedler gen Westen aufbrachen. Christoph Kolumbus, Marco Polo und Alexander von Humboldt erforschten wahrhaftig Neuland und sammelten neue Erkenntnisse. Auch die Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay konnte man getrost in die Kategorie Expedition einordnen.<\/p>\n<p>In unserer Zeit k\u00f6nnte man dagegen vielleicht noch die einj\u00e4hrige Forschungsfahrt der Polarstern in die Arktis als Expedition betrachten, zumindest als wissenschaftliche. Es mag auch einzelne T\u00e4ler im Himalaya oder Karakorum geben, in die bislang kaum ein Mensch vorgedrungen ist. Doch grunds\u00e4tzlich ist unsere Erde weitgehend abgegrast.<\/p>\n<p>Wenn Unternehmen heute dennoch den Begriff Expedition benutzen, wollen sie den Teilnehmern eine Einzigartigkeit suggerieren, die so nicht existiert. Genau genommen handelt es sich bei der Wahl dieses reisetechnischen Superlativs um Kundent\u00e4uschung. Nat\u00fcrlich klingt Expedition besser als Ausflug, Reise oder Besteigung. Und nat\u00fcrlich lassen sich die zahlenden G\u00e4ste gerne umschmeicheln, indem man ihnen einfl\u00fcstert, ihre Unternehmung sei etwas Besonderes. Nein, sie ist es nicht! Viele andere vor ihnen waren auch schon da. Die Fahrt mit einem luxuri\u00f6sen Schiff in eine Eisbergbucht, der Besuch des Everest-Basislagers, die Durchquerung des patagonischen Inlandeises oder die Besteigung des 8000ers Cho Oyu sind organisierter Tourismus in nicht mehr jungfr\u00e4uliche Regionen. Kurz: Marketing-Mogelpackungen.<\/p>\n<p>Wer heute eine sogenannte Expedition antritt, ist so wenig Entdecker wie angebliche Influencer, die sich in Schluchten oder auf Gebirgsbachbr\u00fccken in Pose setzen und dies in die digitale Welt posten. Die eigene Leistung ist dabei meist nicht herausragend. Oft geht sie gegen Null. Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist nur die \u00dcberh\u00f6hung der eigenen Person, die glaubt, ein bislang unentdecktes Kleinod gefunden zu haben und daf\u00fcr nun Bewunderung erwartet: \u201eWahnsinn, Du in dieser krassen Landschaft. Wie bist Du da nur hingekommen? War das nicht gef\u00e4hrlich?\u201c Nein, war es nicht. Nur 30 Minuten Fu\u00dfmarsch.<\/p>\n<p><strong>Expedition zu sich selbst<\/strong><\/p>\n<p>Wer heute echtes Neuland betreten will, ist arm dran. Da alles bereist, beschrieben und gezeigt worden ist, liegt die einzige M\u00f6glichkeit auf unserer Suche nach dem Au\u00dfergew\u00f6hnlichen darin, neue Ziele zu finden. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir nicht mal weit reisen, die gro\u00dfen Herausforderungen liegen oft bei uns selbst. Manche definieren diese f\u00fcr sich als h\u00f6her, schneller, weiter: Die Matterhorn-Nordwand in weniger als zwei Stunden. Den Triathlon in gut 7,5 Stunden. F\u00fcr die anderen besteht die Expedition zu sich selbst in Ver\u00e4nderung und Entwicklung: Nach einer schweren Erkrankung erstmals wieder um das eigene Haus gehen. Zehn Kilo abnehmen. Den Job wechseln und seinem Leben eine neue Richtung geben. Mit dem Rad von Nord nach S\u00fcd oder von Ost nach West durch Deutschland fahren. Vielleicht auch, sich von seinem Partner zu trennen, den man ohnehin nicht (mehr) liebt, dann den Motor starten und gen Kapstadt fahren.<\/p>\n<p>Die wahren Expeditionen unserer Zeit sind nicht die Hurtigruten-Mogelpackungen, sondern die pers\u00f6nlichen Gipfel und Pole. Das kann faszinierender sein als der Blick aufs sterbende Eis.<\/p>\n<p><em>Foto: Sch\u00fcller<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kreuzfahrtunternehmen, Trekkingveranstalter und W\u00fcstenfahrer verkaufen ihre Reisen gerne als Expeditionen. Das ist meistens glatt gelogen. 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