{"id":2086,"date":"2026-06-08T12:53:09","date_gmt":"2026-06-08T11:53:09","guid":{"rendered":"https:\/\/bergsturz.net\/?p=2086"},"modified":"2026-06-08T12:53:09","modified_gmt":"2026-06-08T11:53:09","slug":"deutsche-bahn-wo-bleibt-der-aufstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bergsturz.net\/?p=2086","title":{"rendered":"Deutsche Bahn: Wo bleibt der Aufstand?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Z\u00fcge der Deutschen Bahn kommen mal wieder nicht. Doch wir, die zahlenden Kunden, warten ergeben am Bahnhof und lassen den chronisch schlechten Service \u00fcber uns ergehen. Wann endlich lehnen wir uns auf und protestieren dagegen, dass wir immer wieder aufs Neue f\u00fcr dumm verkauft werden? Wann reichen wir beim Bahnvorstand die Rechnung f\u00fcr entgangene Lebens- und Arbeitszeit ein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wieder mal stehe ich an einem Bahnhof und warte auf die S-Bahn. Die digitale Anzeige am Bahnsteig verk\u00fcndet seit L\u00e4ngerem, dass der Zug in vier Minuten kommen soll. Die Handy-App teilt hingegen mit, er h\u00e4tte bereits vor acht Minuten einfahren sollen. Die Durchsage sagt gar nichts. Mit mir stehen und warten im kalten Wind zirka 150 weitere Menschen, die alle nur eines wollen: in die Arbeit, nach Hause, zu ihren Kindern, ins Wochenende. Aber die Bahn l\u00e4sst uns nicht. Mal wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unverm\u00f6gen der Deutschen Bahn, vielleicht auch ihr Versagen, ist Alltag und systemisch. Viele erleben es regelm\u00e4\u00dfig, manche jeden Tag. So bei Fahrten mit der M\u00fcnchener S-Bahn, in deren Einzugsbereich ich lebe. Die S-Bahn wird von der DB Regio Bayern betrieben, einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Ihr Betrieb ist ein durchgehendes Fiasko. Die zentrale Tunnelr\u00f6hre unter der Stadt ist immer wieder \u00fcberlastet oder blockiert, Signal- und Stellwerksst\u00f6rungen sind an der Tagesordnung, manchmal auch eine kaputte Weiche, es gibt Langsamfahrstellen, an denen man aussteigen und Blumen pfl\u00fccken k\u00f6nnte. Mal st\u00f6rt eine herabgefallene Leitung oder der Wind l\u00e4sst B\u00e4ume brechen (womit man ja nicht rechnen kann). Seit Jahren sind zudem an zahlreichen Bahnsteigen die Aufz\u00fcge kaputt. Rollstuhlfahrern erz\u00e4hlt man, sie sollten eine Station weiterfahren und dann den Bus zur\u00fccknehmen, was eine absurde Empfehlung ist. Denn damit ist man mindestens eine Stunde l\u00e4nger unterwegs &#8211; sofern die Variante \u00fcberhaupt funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Durchsagen f\u00fchren in die Irre<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch in Grafing Bahnhof, zirka 30 Kilometer s\u00fcd\u00f6stlich von M\u00fcnchen gelegen, gelingt es der DB Regio Bayern immer wieder, Fahrg\u00e4ste in die Irre zu leiten. Dort halten nicht nur S-Bahnen, sondern einmal die Stunde auch Regionalz\u00fcge, die anschlie\u00dfend ohne Halt nach M\u00fcnchen-Ost weiterfahren. Die Bahn bringt es fertig, erst die S-Bahn abfahren zu lassen und dann mitzuteilen, dass der Regionalzug 20 Minuten Versp\u00e4tung hat. Andersherum schafft sie es auch, eine Versp\u00e4tung der Regionalbahn anzuk\u00fcndigen und die Leute in eine wartende S-Bahn am anderen Gleis zu locken. Von dort k\u00f6nnen diese dann bewundern, wie der angeblich versp\u00e4tete Regionalzug doch halbwegs p\u00fcnktlich ein- und kurz darauf wieder abf\u00e4hrt. Um dem die Krone aufzusetzen, unterbricht die S-Bahn schlie\u00dflich auf halber Strecke ihre Fahrt nach M\u00fcnchen, weil eine St\u00f6rung vorliegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Faszinosum der Bahn sind neben nicht funktionierenden Klimaanlagen, Toiletten und Bordbistros auch die Uhren an den Bahnh\u00f6fen. Manchmal frage ich mich, wozu die da \u00fcberhaupt h\u00e4ngen? Ob im S-Bahnnetz, in Hanau oder Kiel \u2013 gef\u00fchlt funktioniert jede zweite Bahnhofsuhr nicht. Dann baut sie doch ab, haut sie weg. Genauso wie Euren Fahrplan. Was n\u00fctzt dieser, wenn sich das Unternehmen Deutsche Bahn eh nicht daran h\u00e4lt? Lasst die Z\u00fcge doch ohne Zeitplan durch die Republik rollen. Wir Fahrg\u00e4ste nehmen dann wie beim s\u00fcdamerikanischen Colectivo-System einfach den n\u00e4chstbesten Zug, der vorbeikommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Digitale Inkompetenz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es g\u00e4be eine einfache Methode, die Schmerzen der Menschen an der Bahn zu lindern \u2013 indem man sie wenigstens korrekt informieren w\u00fcrde. Man sollte annehmen, in digitalen Zeiten m\u00fcsste es ein Leichtes sein, dass die Bahn minuten- und sekundengenau wei\u00df, wo sich ihre Z\u00fcge gerade befinden und wann sie wo sein werden. Immerhin ist es beim Fliegen auch m\u00f6glich, dass man nach dem Start in Frankfurt auf die Minute genau erf\u00e4hrt, wann man in Lima-Peru landen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe allerdings mittlerweile erhebliche Zweifel, dass die Bahn und deren Tochtergesellschaften digital k\u00f6nnen. Wenn ich 20 Minuten vor Abfahrt meiner S-Bahn in die App des M\u00fcnchener Verkehrsverbundes (MVV) schaue, erscheint der von mir anvisierte Zug dort als p\u00fcnktlich. Komme ich dann am Bahnhof an, zeigt die App acht Minuten Versp\u00e4tung an. Wieso konnte man mir das nicht 20 Minuten vor Abfahrt mitteilen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wenig \u00fcberzeugend ist die Bahn-App: Wenn ich in Stuttgart auf den ICE nach M\u00fcnchen warte, schraubt sich die Versp\u00e4tung im 15-Minuten-Takt nach oben. Was also vor 15 Minuten angezeigt wurde, stimmte offenbar nicht. W\u00e4hrenddessen f\u00e4hrt ein ICE in Richtung bayerische Landeshauptstadt ein, der \u00fcberhaupt nicht angezeigt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sportlich sind auch die Umsteigeverbindungen, die die MVV-App anbietet. Zwei Minuten sind es &nbsp;an der Donnersbergerbr\u00fccke, lediglich ein paar Meter \u00fcber den Bahnsteig r\u00fcber. Eigentlich machbar, aber nicht, wenn die S7 aus Wolfratshausen mal wieder versp\u00e4tet ankommt. Und die S7 kommt fast immer versp\u00e4tet an. Jeder Fahrgast wei\u00df das, auch die KI w\u00fcrde das ziemlich schnell kapieren. Nur die MVV-App offenbar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die digitale Inkompetenz der Bahn und ihrer Tochtergesellschaften macht mich sprachlos.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eigentlich fahre ich gerne Bahn<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Grunde fahre ich gerne Bahn. Sie kutschiert mich durch das Land, w\u00e4hrend ich entspannen kann. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie Felder, W\u00e4lder und H\u00e4user vorbeiziehen. Ich kann die Zeitung lesen, durch das Internet surfen oder auf meinem Laptop arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bahnfahren soll zudem umweltvertr\u00e4glicher sein als Autofahren, neudeutsch bin ich damit \u201enachhaltig\u201c unterwegs. Nur: Wenn ich mit dem Auto f\u00fcr die 52 Kilometer lange Strecke von Grafing bei M\u00fcnchen nach Geretsried 55 Minuten brauche, mit S-Bahn und Bus laut Fahrplan aber zwei Stunden und drei Minuten (mit verpasstem Anschluss mindestens 2,5 Stunden), ger\u00e4t man selbst als \u00fcberzeugter Bahnfahrer ins Gr\u00fcbeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal wundere ich mich, wenn eine Fahrt reibungslos verl\u00e4uft. Der Zug ist im Zeitplan. Keine Weiche, die blockiert, kein Stellwerk, dass eine Fehlfunktion hat. Fast scheint es, als k\u00f6nnte ich meinen Anschluss erreichen. Doch die Deutsch Bahn w\u00e4re nicht die Bahn, wenn sie nicht f\u00fcr \u00dcberraschungen gut w\u00e4re, selbst auf der letzten Meile: Der ICE aus Mannheim rollt p\u00fcnktlich gegen 22:30 Uhr auf den M\u00fcnchener Hauptbahnhof zu \u2013 und bleibt dann verd\u00e4chtig lange kurz davor stehen. Aus zwei Minuten werden f\u00fcnf, dann acht und mir wird klar, dass ich meinen Anschluss, den Regionalzug Richtung Kufstein, doch nicht mehr kriegen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder der ICE von M\u00fcnchen nach Frankfurt Hauptbahnhof mit Endziel D\u00fcsseldorf. Auf H\u00f6he W\u00fcrzburg hat er eine knappe halbe Stunde Versp\u00e4tung. Das habe ich einkalkuliert, meine Veranstaltung in Frankfurt sollte ich trotzdem rechtzeitig erreichen. Doch dann teilt die Zugchefin mit, dass der Halt \u201eFrankfurt Hauptbahnhof\u201c heute ausgelassen wird. Stattdessen sollen wir in Frankfurt S\u00fcd in die S-Bahn zur Innenstadt umsteigen. Damit ger\u00e4t meine zeitliche Kalkulation pl\u00f6tzlich doch ins Wanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich sollte ich mittlerweile immun sein gegen negative Bahngef\u00fchle. Dennoch steigt in mir immer wieder eine stille Wut auf, wenn ich mal wieder nicht abgeholt werde. Weil mir seit Jahren etwas versprochen wird, was nicht eingehalten wird. Weil man mich offenbar f\u00fcr dumm verkaufen will. Weil ich mal wieder Lebenszeit verliere.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wo bleibt der Aufstand?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Unzuverl\u00e4ssigkeit der Deutschen Bahn hat eine Langzeitwirkung. Ich glaube ihr nichts mehr. Ich glaube an keinen Fahrplan, an keine Durchsage, an keine App-Information. Wenn ich Bahn fahre, denke ich, dass es hoffentlich irgendwie funktionieren wird. Aber sicher nicht so, wie angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin, bei Fernfahrten habe ich mir angew\u00f6hnt, bei Versp\u00e4tungen systematisch Erstattung zu fordern. Ab einer Stunde hat man Anrecht auf 25 Prozent des Reisepreises. Das sind kleine Betr\u00e4ge, oft nur sieben oder 11 Euro, die sich f\u00fcr die Deutsche Bahn aber summieren: Allein 2025 hat sie 156,1 Millionen Euro an Entsch\u00e4digungen f\u00fcr Versp\u00e4tungen und Zugausf\u00e4lle ausgezahlt. Wenn ich Vorstand dieses Ladens w\u00e4re, w\u00fcrde mich das alarmieren. Es zeigt, dass etwas grunds\u00e4tzlich nicht funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal wundere ich mich, dass wir Kunden der Deutschen Bahn das mit uns machen lassen. Wir stehen in diesem Lande zu Hunderten, wenn nicht Tausenden, an Bahnh\u00f6fen herum und warten. Warten auf Z\u00fcge, die nicht kommen, zumindest nicht wie vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, warum wir uns den chronisch miserablen Service der Bahn gefallen lassen? Warum treten wir angesichts dieses jahrelangen Versagens nicht in den zivilen Ungehorsam und besetzen den M\u00fcnchner, Frankfurter oder K\u00f6lner Hauptbahnhof? Die Bauern blockieren mit ihren Traktoren ja auch das Berliner Regierungsviertel, wenn ihnen die Dieselsubvention gestrichen werden soll. Menschen demonstrieren gegen Krieg, Missbrauch der digitalen Identit\u00e4t oder gegen die Sicherheitskonferenz. Nur die Fahrg\u00e4ste der Deutschen Bahn warten wie brave Dackel auf die m\u00f6gliche Einfahrt des n\u00e4chsten Zuges. Sind wir so ersch\u00f6pft, dass wir nicht mehr die Kraft haben aufzubegehren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Raub von Lebenszeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mal durchgerechnet, wieviel Lebenszeit mich die Bahn schon gekostet hat. 30 Jahre lang bin ich beinahe t\u00e4glich mit der S-Bahn nach M\u00fcnchen rein- und wieder rausgependelt. Hinzu kommen zahllose Fernverkehrsfahrten. Wenn ich, vorsichtig gerechnet, bei der S-Bahn w\u00f6chentlich nur eine Dreiviertelstunde ansetze, die ich gewartet habe, macht das pro Jahr zirka 33 Stunden. Hinzu kommen zehn Fernverkehrsfahrten pro Jahr, bei denen ich im Schnitt mindestens jeweils eine Stunde zu sp\u00e4t am Ziel ankam. Der j\u00e4hrliche Zeitverlust von insgesamt etwa 43 Stunden summiert sich in 30 Jahren auf 1290 Stunden oder fast 54 Tage. Die Bahn hat mir in dieser Periode also beinahe zwei Monate Lebenszeit geraubt \u2013 es k\u00f6nnte aber auch das Doppelte gewesen sein. Mal abgesehen davon, dass ich stets ein Ticket gekauft hatte, ohne die daran gekn\u00f6pfte Leistung erhalten zu haben, h\u00e4tte ich w\u00e4hrenddessen auch Arbeiten und Geld verdienen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher w\u00e4re es eigentlich konsequent, der Bahn auch meinen materiellen Schaden in Rechnung zu stellen. Wenn man einen Stundenlohn von 50 Euro ansetzt, komme ich auf 64.500 Euro. Ich werde die Vorstandschefin der Deutschen Bahn, Frau Palla, demn\u00e4chst um \u00dcberweisung dieses Betrages bitten. Mal schauen, was passiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Z\u00fcge der Deutschen Bahn kommen mal wieder nicht. Doch wir, die zahlenden Kunden, warten ergeben am Bahnhof und lassen den chronisch schlechten Service \u00fcber uns ergehen. 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