Die Züge der Deutschen Bahn kommen mal wieder nicht. Doch wir, die zahlenden Kunden, warten ergeben am Bahnhof und lassen den chronisch schlechten Service über uns ergehen. Wann endlich lehnen wir uns auf und protestieren dagegen, dass wir immer wieder aufs Neue für dumm verkauft werden? Wann reichen wir beim Bahnvorstand die Rechnung für entgangene Lebens- und Arbeitszeit ein?
Wieder mal stehe ich an einem Bahnhof und warte auf die S-Bahn. Die digitale Anzeige am Bahnsteig verkündet seit Längerem, dass der Zug in vier Minuten kommen soll. Die Handy-App teilt hingegen mit, er hätte bereits vor acht Minuten einfahren sollen. Die Durchsage sagt gar nichts. Mit mir stehen und warten im kalten Wind zirka 150 weitere Menschen, die alle nur eines wollen: in die Arbeit, nach Hause, zu ihren Kindern, ins Wochenende. Aber die Bahn lässt uns nicht. Mal wieder.
Das Unvermögen der Deutschen Bahn, vielleicht auch ihr Versagen, ist Alltag und systemisch. Viele erleben es regelmäßig, manche jeden Tag. So bei Fahrten mit der Münchener S-Bahn, in deren Einzugsbereich ich lebe. Die S-Bahn wird von der DB Regio Bayern betrieben, einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Ihr Betrieb ist ein durchgehendes Fiasko. Die zentrale Tunnelröhre unter der Stadt ist immer wieder überlastet oder blockiert, Signal- und Stellwerksstörungen sind an der Tagesordnung, manchmal auch eine kaputte Weiche, es gibt Langsamfahrstellen, an denen man aussteigen und Blumen pflücken könnte. Mal stört eine herabgefallene Leitung oder der Wind lässt Bäume brechen (womit man ja nicht rechnen kann). Seit Jahren sind zudem an zahlreichen Bahnsteigen die Aufzüge kaputt. Rollstuhlfahrern erzählt man, sie sollten eine Station weiterfahren und dann den Bus zurücknehmen, was eine absurde Empfehlung ist. Denn damit ist man mindestens eine Stunde länger unterwegs – sofern die Variante überhaupt funktioniert.
Durchsagen führen in die Irre
Auch in Grafing Bahnhof, zirka 30 Kilometer südöstlich von München gelegen, gelingt es der DB Regio Bayern immer wieder, Fahrgäste in die Irre zu leiten. Dort halten nicht nur S-Bahnen, sondern einmal die Stunde auch Regionalzüge, die anschließend ohne Halt nach München-Ost weiterfahren. Die Bahn bringt es fertig, erst die S-Bahn abfahren zu lassen und dann mitzuteilen, dass der Regionalzug 20 Minuten Verspätung hat. Andersherum schafft sie es auch, eine Verspätung der Regionalbahn anzukündigen und die Leute in eine wartende S-Bahn am anderen Gleis zu locken. Von dort können diese dann bewundern, wie der angeblich verspätete Regionalzug doch halbwegs pünktlich ein- und kurz darauf wieder abfährt. Um dem die Krone aufzusetzen, unterbricht die S-Bahn schließlich auf halber Strecke ihre Fahrt nach München, weil eine Störung vorliegt.
Ein Faszinosum der Bahn sind neben nicht funktionierenden Klimaanlagen, Toiletten und Bordbistros auch die Uhren an den Bahnhöfen. Manchmal frage ich mich, wozu die da überhaupt hängen? Ob im S-Bahnnetz, in Hanau oder Kiel – gefühlt funktioniert jede zweite Bahnhofsuhr nicht. Dann baut sie doch ab, haut sie weg. Genauso wie Euren Fahrplan. Was nützt dieser, wenn sich das Unternehmen Deutsche Bahn eh nicht daran hält? Lasst die Züge doch ohne Zeitplan durch die Republik rollen. Wir Fahrgäste nehmen dann wie beim südamerikanischen Colectivo-System einfach den nächstbesten Zug, der vorbeikommt.
Digitale Inkompetenz
Es gäbe eine einfache Methode, die Schmerzen der Menschen an der Bahn zu lindern – indem man sie wenigstens korrekt informieren würde. Man sollte annehmen, in digitalen Zeiten müsste es ein Leichtes sein, dass die Bahn minuten- und sekundengenau weiß, wo sich ihre Züge gerade befinden und wann sie wo sein werden. Immerhin ist es beim Fliegen auch möglich, dass man nach dem Start in Frankfurt auf die Minute genau erfährt, wann man in Lima-Peru landen wird.
Ich habe allerdings mittlerweile erhebliche Zweifel, dass die Bahn und deren Tochtergesellschaften digital können. Wenn ich 20 Minuten vor Abfahrt meiner S-Bahn in die App des Münchener Verkehrsverbundes (MVV) schaue, erscheint der von mir anvisierte Zug dort als pünktlich. Komme ich dann am Bahnhof an, zeigt die App acht Minuten Verspätung an. Wieso konnte man mir das nicht 20 Minuten vor Abfahrt mitteilen?
Ebenso wenig überzeugend ist die Bahn-App: Wenn ich in Stuttgart auf den ICE nach München warte, schraubt sich die Verspätung im 15-Minuten-Takt nach oben. Was also vor 15 Minuten angezeigt wurde, stimmte offenbar nicht. Währenddessen fährt ein ICE in Richtung bayerische Landeshauptstadt ein, der überhaupt nicht angezeigt wurde.
Sportlich sind auch die Umsteigeverbindungen, die die MVV-App anbietet. Zwei Minuten sind es an der Donnersbergerbrücke, lediglich ein paar Meter über den Bahnsteig rüber. Eigentlich machbar, aber nicht, wenn die S7 aus Wolfratshausen mal wieder verspätet ankommt. Und die S7 kommt fast immer verspätet an. Jeder Fahrgast weiß das, auch die KI würde das ziemlich schnell kapieren. Nur die MVV-App offenbar nicht.
Die digitale Inkompetenz der Bahn und ihrer Tochtergesellschaften macht mich sprachlos.
Eigentlich fahre ich gerne Bahn
Im Grunde fahre ich gerne Bahn. Sie kutschiert mich durch das Land, während ich entspannen kann. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie Felder, Wälder und Häuser vorbeiziehen. Ich kann die Zeitung lesen, durch das Internet surfen oder auf meinem Laptop arbeiten.
Bahnfahren soll zudem umweltverträglicher sein als Autofahren, neudeutsch bin ich damit „nachhaltig“ unterwegs. Nur: Wenn ich mit dem Auto für die 52 Kilometer lange Strecke von Grafing bei München nach Geretsried 55 Minuten brauche, mit S-Bahn und Bus laut Fahrplan aber zwei Stunden und drei Minuten (mit verpasstem Anschluss mindestens 2,5 Stunden), gerät man selbst als überzeugter Bahnfahrer ins Grübeln.
Manchmal wundere ich mich, wenn eine Fahrt reibungslos verläuft. Der Zug ist im Zeitplan. Keine Weiche, die blockiert, kein Stellwerk, dass eine Fehlfunktion hat. Fast scheint es, als könnte ich meinen Anschluss erreichen. Doch die Deutsch Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie nicht für Überraschungen gut wäre, selbst auf der letzten Meile: Der ICE aus Mannheim rollt pünktlich gegen 22:30 Uhr auf den Münchener Hauptbahnhof zu – und bleibt dann verdächtig lange kurz davor stehen. Aus zwei Minuten werden fünf, dann acht und mir wird klar, dass ich meinen Anschluss, den Regionalzug Richtung Kufstein, doch nicht mehr kriegen werde.
Oder der ICE von München nach Frankfurt Hauptbahnhof mit Endziel Düsseldorf. Auf Höhe Würzburg hat er eine knappe halbe Stunde Verspätung. Das habe ich einkalkuliert, meine Veranstaltung in Frankfurt sollte ich trotzdem rechtzeitig erreichen. Doch dann teilt die Zugchefin mit, dass der Halt „Frankfurt Hauptbahnhof“ heute ausgelassen wird. Stattdessen sollen wir in Frankfurt Süd in die S-Bahn zur Innenstadt umsteigen. Damit gerät meine zeitliche Kalkulation plötzlich doch ins Wanken.
Eigentlich sollte ich mittlerweile immun sein gegen negative Bahngefühle. Dennoch steigt in mir immer wieder eine stille Wut auf, wenn ich mal wieder nicht abgeholt werde. Weil mir seit Jahren etwas versprochen wird, was nicht eingehalten wird. Weil man mich offenbar für dumm verkaufen will. Weil ich mal wieder Lebenszeit verliere.
Wo bleibt der Aufstand?
Die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn hat eine Langzeitwirkung. Ich glaube ihr nichts mehr. Ich glaube an keinen Fahrplan, an keine Durchsage, an keine App-Information. Wenn ich Bahn fahre, denke ich, dass es hoffentlich irgendwie funktionieren wird. Aber sicher nicht so, wie angekündigt.
Immerhin, bei Fernfahrten habe ich mir angewöhnt, bei Verspätungen systematisch Erstattung zu fordern. Ab einer Stunde hat man Anrecht auf 25 Prozent des Reisepreises. Das sind kleine Beträge, oft nur sieben oder 11 Euro, die sich für die Deutsche Bahn aber summieren: Allein 2025 hat sie 156,1 Millionen Euro an Entschädigungen für Verspätungen und Zugausfälle ausgezahlt. Wenn ich Vorstand dieses Ladens wäre, würde mich das alarmieren. Es zeigt, dass etwas grundsätzlich nicht funktioniert.
Manchmal wundere ich mich, dass wir Kunden der Deutschen Bahn das mit uns machen lassen. Wir stehen in diesem Lande zu Hunderten, wenn nicht Tausenden, an Bahnhöfen herum und warten. Warten auf Züge, die nicht kommen, zumindest nicht wie vorgesehen.
Ich frage mich, warum wir uns den chronisch miserablen Service der Bahn gefallen lassen? Warum treten wir angesichts dieses jahrelangen Versagens nicht in den zivilen Ungehorsam und besetzen den Münchner, Frankfurter oder Kölner Hauptbahnhof? Die Bauern blockieren mit ihren Traktoren ja auch das Berliner Regierungsviertel, wenn ihnen die Dieselsubvention gestrichen werden soll. Menschen demonstrieren gegen Krieg, Missbrauch der digitalen Identität oder gegen die Sicherheitskonferenz. Nur die Fahrgäste der Deutschen Bahn warten wie brave Dackel auf die mögliche Einfahrt des nächsten Zuges. Sind wir so erschöpft, dass wir nicht mehr die Kraft haben aufzubegehren?
Raub von Lebenszeit
Ich habe mal durchgerechnet, wieviel Lebenszeit mich die Bahn schon gekostet hat. 30 Jahre lang bin ich beinahe täglich mit der S-Bahn nach München rein- und wieder rausgependelt. Hinzu kommen zahllose Fernverkehrsfahrten. Wenn ich, vorsichtig gerechnet, bei der S-Bahn wöchentlich nur eine Dreiviertelstunde ansetze, die ich gewartet habe, macht das pro Jahr zirka 33 Stunden. Hinzu kommen zehn Fernverkehrsfahrten pro Jahr, bei denen ich im Schnitt mindestens jeweils eine Stunde zu spät am Ziel ankam. Der jährliche Zeitverlust von insgesamt etwa 43 Stunden summiert sich in 30 Jahren auf 1290 Stunden oder fast 54 Tage. Die Bahn hat mir in dieser Periode also beinahe zwei Monate Lebenszeit geraubt – es könnte aber auch das Doppelte gewesen sein. Mal abgesehen davon, dass ich stets ein Ticket gekauft hatte, ohne die daran geknöpfte Leistung erhalten zu haben, hätte ich währenddessen auch Arbeiten und Geld verdienen können.
Daher wäre es eigentlich konsequent, der Bahn auch meinen materiellen Schaden in Rechnung zu stellen. Wenn man einen Stundenlohn von 50 Euro ansetzt, komme ich auf 64.500 Euro. Ich werde die Vorstandschefin der Deutschen Bahn, Frau Palla, demnächst um Überweisung dieses Betrages bitten. Mal schauen, was passiert.

