Hurtigrutens Mogelpackung

Kreuzfahrtunternehmen, Trekkingveranstalter und Wüstenfahrer verkaufen ihre Reisen gerne als Expeditionen. Das ist meistens glatt gelogen. Echte Expeditionen gibt es in unserer Welt kaum noch – höchstens zu uns selbst.

 

Eine Expedition ist qua Definition die Forschungsreise einer Personengruppe in unerschlossene beziehungsweise vorher nicht betretene Gebiete. Insofern ist es eine gewagte Aussage der norwegischen Postschiffgesellschaft Hurtigruten, Expeditionen ins Land der Mitternachtssonne – in diesem Fall Spitzbergen – anzubieten. Was es mit einer Expedition zu tun hat, wenn man eine bereits tausendfach bereiste Region bei einem Cocktail vom bequemen Clubsessel aus betrachtet, bleibt das Geheimnis der mittlerweile zum Touristikkonzern mutierten Firma.

Immerhin, um werbende Worte ist Hurtigruten nicht verlegen. Mit kräftigen Adjektiven lockt das Unternehmen, dieses „einzigartige“ und „bedrohte“ Naturreservat zu besuchen. Von einer „einmaligen Expedition nördlich des Polarkreises“ ist die Rede, eventuell werde sogar der 80.Breitengrad überfahren – wahrscheinlich fühlen sich die Expeditionsteilnehmer dort besser als südlich davon. Eventuell sehen sie sogar einen Eisbären. Potenzielle Expeditionisten sollten also schnell buchen, ehe das Naturjuwel an Glanz verliert und der Eisbär mit der abtauenden Eisscholle im Meer versinkt. Da scheint es eher nebensächlich, dass die Schiffe, wenngleich mit „fortschrittlicher Umwelttechnologie“ ausgestattet, durch ihren CO2-Ausstoß einen Beitrag leisten, den Eisschwund zu beschleunigen.

Organisierte Reisen mit Komfort

Auch Outdoor- und Alpinreiseveranstalter nehmen den Begriff Expedition gerne in den Mund. Firmen wie Amical Alpin, Diamir oder Kobler & Partner führen eigene Rubriken mit diesem Titel. Gemeint sind damit durchorganisierte Reisen zu hohen Bergen bei größtmöglichem Komfort: Träger schleppen die Lasten, Köche sorgen für das Wohlbefinden, es gibt Duschen und zumindest zeitweise Internet. Mittels aktuellem Wetterbericht wird das bestmögliche Zeitfenster für einen Gipfelaufstieg ermittelt und damit das Risiko von störender Wolkenbildung reduziert.

Zugleich dehnen die Veranstalter die Bedeutung des Begriffs Expedition weit aus: Hauser Exkursionen bezeichnet beispielsweise die jährlich hundertfache Besteigung des 6962 Meter hohen Aconcagua in Argentinien als eine eben solche Expedition. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen alpinen Spaziergang, wenngleich in stattlicher Höhe.

Die Firma Arktis Tours übt sich hingegen in kreativer Wortschöpfung und verkauft „Expeditions-Kreuzfahrten“, versucht also, entbehrungsreiche Neulandsuche mit Komfort zu vereinen. Das ist in etwa so, wie mit dem Reisebus die Großglocknerstraße hinaufzufahren und die traurigen Gletscherreste zu betrachten. Oder per Glacier-Express durch die herausgeputzte Schweizer Alpenwelt zu rollen. Nett und angenehm, hat aber mit einer Expedition nichts zu tun. Übrigens: Für 27.695 Euro kann man sich bei Arktis Tours auch mit einem Atomeisbrecher durch das dank Klimaerwärmung brüchige Eis zum Nordpol bringen lassen und sich dort für ein Social-Media-würdiges Foto Hand in Hand mit anderen wagemutigen Expeditionsteilnehmern im Kreis um den Pol aufstellen. Man sollte nur aufpassen, nicht zu weit nach hinten zu treten, da die Schollen recht fragil sind.

Zeit für Expeditionen ist vorbei

Auch wenn es uns die Marketingleute von Hurtigruten und Co. glauben machen wollen: Die Zeit für echte Expeditionen ist vorbei. Nahezu sämtliche Punkte unserer Erde sind betreten, die wesentlichen Bergwände durchstiegen, die Pole zigfach besucht, Höhlen vermessen und Wüste durchfahren. Expeditionen waren früher, als Scott und Amundsen zum Südpol und die Amerikasiedler gen Westen aufbrachen. Christoph Kolumbus, Marco Polo und Alexander von Humboldt erforschten wahrhaftig Neuland und sammelten neue Erkenntnisse. Auch die Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay konnte man getrost in die Kategorie Expedition einordnen.

In unserer Zeit könnte man dagegen vielleicht noch die einjährige Forschungsfahrt der Polarstern in die Arktis als Expedition betrachten, zumindest als wissenschaftliche. Es mag auch einzelne Täler im Himalaya oder Karakorum geben, in die bislang kaum ein Mensch vorgedrungen ist. Doch grundsätzlich ist unsere Erde weitgehend abgegrast.

Wenn Unternehmen heute dennoch den Begriff Expedition benutzen, wollen sie den Teilnehmern eine Einzigartigkeit suggerieren, die so nicht existiert. Genau genommen handelt es sich bei der Wahl dieses reisetechnischen Superlativs um Kundentäuschung. Natürlich klingt Expedition besser als Ausflug, Reise oder Besteigung. Und natürlich lassen sich die zahlenden Gäste gerne umschmeicheln, indem man ihnen einflüstert, ihre Unternehmung sei etwas Besonderes. Nein, sie ist es nicht! Viele andere vor ihnen waren auch schon da. Die Fahrt mit einem luxuriösen Schiff in eine Eisbergbucht, der Besuch des Everest-Basislagers, die Durchquerung des patagonischen Inlandeises oder die Besteigung des 8000ers Cho Oyu sind organisierter Tourismus in nicht mehr jungfräuliche Regionen. Kurz: Marketing-Mogelpackungen.

Wer heute eine sogenannte Expedition antritt, ist so wenig Entdecker wie angebliche Influencer, die sich in Schluchten oder auf Gebirgsbachbrücken in Pose setzen und dies in die digitale Welt posten. Die eigene Leistung ist dabei meist nicht herausragend. Oft geht sie gegen Null. Außergewöhnlich ist nur die Überhöhung der eigenen Person, die glaubt, ein bislang unentdecktes Kleinod gefunden zu haben und dafür nun Bewunderung erwartet: „Wahnsinn, Du in dieser krassen Landschaft. Wie bist Du da nur hingekommen? War das nicht gefährlich?“ Nein, war es nicht. Nur 30 Minuten Fußmarsch.

Expedition zu sich selbst

Wer heute echtes Neuland betreten will, ist arm dran. Da alles bereist, beschrieben und gezeigt worden ist, liegt die einzige Möglichkeit auf unserer Suche nach dem Außergewöhnlichen darin, neue Ziele zu finden. Dafür müssen wir nicht mal weit reisen, die großen Herausforderungen liegen oft bei uns selbst. Manche definieren diese für sich als höher, schneller, weiter: Die Matterhorn-Nordwand in weniger als zwei Stunden. Den Triathlon in gut 7,5 Stunden. Für die anderen besteht die Expedition zu sich selbst in Veränderung und Entwicklung: Nach einer schweren Erkrankung erstmals wieder um das eigene Haus gehen. Zehn Kilo abnehmen. Den Job wechseln und seinem Leben eine neue Richtung geben. Mit dem Rad von Nord nach Süd oder von Ost nach West durch Deutschland fahren. Vielleicht auch, sich von seinem Partner zu trennen, den man ohnehin nicht (mehr) liebt, dann den Motor starten und gen Kapstadt fahren.

Die wahren Expeditionen unserer Zeit sind nicht die Hurtigruten-Mogelpackungen, sondern die persönlichen Gipfel und Pole. Das kann faszinierender sein als der Blick aufs sterbende Eis.

Foto: Schüller

Lastminute.de – Wie man Kunden für dumm verkauft

Das Online-Reiseportal lastminute.de wirbt damit, mehrfach ausgezeichnet worden zu sein: 2012 von der Stiftung Warentest, 2015 von Computerbild , 2019 von der Deutschen Gesellschaft für Verbraucherstudien (DtGV). Stets mit guten Ergebnissen.

Doch die Realität deckt sich nicht immer mit der Werbung. Beispiel Flugbuchung nach Nepal zu Beginn des Jahres 2020. Der Flug selbst sollte im Oktober 2020 starten, wurde aber von der Fluggesellschaft wegen Corona gecancelt. Auf wiederholte Anfragen im Kundenportal auf Kostenerstattung reagiert lastminute.de gar nicht, sehr verzögert und schließlich mit unkonkreten Standardaussagen (a la: der Vorgang wird bearbeitet). Am Ende dauert es ein halbes Jahr, bis es lastminute.de gelingt, die Flugkosten zu erstatten – wobei nicht ganz: 30 Euro behält das Portal ein. Aufforderungen, auch dieses Geld auszuzahlen, ignoriert die Firma.

Beispiel Flugbuchung nach Island im August 2021. Bei der Buchung werden kostenpflichtige Fensterplätze mitgebucht. Nur, die werden beim Online-Check-In nicht angezeigt. Stattdessen weist einem das System Gangplätze zu. Also muss man während des Check-Ins erneut zahlen – diesmal direkt bei der Fluggesellschaft – um Fensterplätze zu erhalten.

Auf Bitte bei lastminute.de, die Kosten für die ursprüngliche Sitzplatzbuchung erstattet zu bekommen, reagiert die Firma mit der Aussage:

Sehr geehrte/r Kundin/Kunde,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Bei lastminute.de steht die Sicherheit unserer Kunden an erster Stelle.
Wir haben festgestellt, dass Sie uns von einer anderen E-Mail-Adresse aus schreiben als die, die während der Buchung verwendet wurde.

Um Ihre Anfrage mit absoluter Sicherheit bearbeiten zu können, müssen Sie uns bitte von derselben E-Mail-Adresse aus schreiben, die Sie bei der Buchung verwendet haben.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Kundenservice

Diese Aussage ist falsch. Die Reise wurde unter der korrekten E-Mail-Adresse gebucht. Auf erneute Nachfrage unter eben dieser E-Mail schickt die Firma dann folgende Nachricht:

Sehr geehrter Kunde,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Da die Zahlung direkt mit der Fluggesellschaft und nicht über uns erfolgt ist, müssen Sie diese direkt kontaktieren.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Kundenservice

Auch diese Aussage von lastminute.de ist falsch. Die Zahlung für die ursprüngliche Sitzplatzreservierung lief über lastminute.de, nicht über die Fluggesellschaft.

Auf weiteres Nachhaken meldet sich die Firma schließlich mehrfach und stur wieder mit der ursprünglichen Nachricht:
…Wir haben festgestellt, dass Sie uns von einer anderen E-Mail-Adresse aus schreiben als die, die während der Buchung verwendet wurde.

Fazit: Wenn Sie mal richtig für dumm verkauft und um Ihr Geld gebracht werden wollen, buchen sie bei lastminute.de. Übrigens, das Portal ist Teil eines Konglomerats. Dazu gehören auch weg.de, Bravofly, Rumbo, Volagratis und Jetcost. Ob dort die Kundenpolitik so viel anders ist?

Foto: Rainer Sturm (Pixelio)

Tiroler Schreihals

Seit Jahrzehnten ist die Wochenbrunner Alm auf der Südseite des Wilden Kaisers in Tirol Ausgangspunkt für Bergsteiger, die Touren in dem felsenreichen Gebirge unternehmen wollen. In der  Selbstbeschreibung stellt sich die Wochenbrunn als „ein wunderschönes Naturresort“ dar.

Bislang war es nie ein Problem, am Abend vorher anzureisen, auf dem großflächigen Parkplatz im Auto oder Wohnmobil zu übernachten (wobei anständige Alpinisten stets ihren Müll wieder mitgenommen und auch sonst keine Hinweise auf ihre Anwesenheit hinterlassen haben – die anderen Schweine finden sich leider überall, auch unter Hotelgästen).

Damit ist es nun vorbei, ein weiteres Kleinod der Unbeschwertheit ist dahin. Bereits auf der Anfahrt warnen unübersehbare Schilder davor, bei der Wochenbrunner Alm im eigenen Fahrzeug zu übernachten. Wer das nicht glaubt, wird unvermittelt von einem Mann, der sich als Besitzer dieses Areals ausgibt und dessen Puls deutlich erhöht zu sein scheint, beehrt. Der rast, noch ehe man abends seinen Kleinbus richtig geparkt hat, mit seinem Wagen auf einen zu, kommt einen Meter vor dem eigenen Fahrzeug zum Stehen, springt heraus und brüllt mit verzerrtem Gesicht „Was willst Du denn hier? Willst Du übernachten? Das geht nicht, das ist verboten. Hau ab!“

Das klingt überzeugend und macht jegliche Widerrede überflüssig. Das „wunderschöne Naturresort“ hat offensichtlich einen cholerischen Besitzer. Der hätte es wohl lieber, dass man in einem seiner Ferienchalets mit der „besonderen Aura“ und deren „alpinen Charme“ absteigt.  Tatsächlich hält sich der Charme des angeblichen Besitzers in Grenzen. Vielmehr ist er ein weiterer Beleg für die Tiroler Gastunfreundlichkeit (Euer Geld nehmen wir gerne, aber sonst schert´s Euch sonst wohin). Also, Motor starten, abhauen und keinen Euro dalassen. Und nächstes Mal gilt: Nicht nur die Wochenbrunner Alm meiden, sondern Tirol möglichst schnell durchfahren – südlich des Brenner gibt es auch schöne Berge!

Afghanistan: Nach uns die Sintflut

Das Geschrei ist groß in der westlichen Welt, dass die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul schneller als erwartet eingenommen haben. Nach einem Bericht der „Washington Post“ unter Berufung US-Geheimdienstquellen waren diese noch im Juni davon ausgegangen, dass Kabul in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach dem Abzug des US-Militärs unter die Kontrolle der Taliban geraten könnte. Auch beim deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) war man davon ausgegangen, dass Kabul erst später fällt.

Bemerkenswert ist, dass man in diesen normalerweise gut informierten Kreisen davon ausging, dass Kabul und damit im Grunde das gesamte Land ohnehin in die Hände der nicht gerade für ihre Liebenswürdigkeit bekannten Taliban fallen werden. In Geheimdienstkreisen wie auch bei den politischen Entscheidern war man sich also bewusst, dass diejenigen, die das Land und deren Menschen in den 1990er-Jahren mit steinzeitlichen Methoden beherrschten, wieder die Macht übernehmen werden – eben nur etwas später als gedacht.

Unter dieser Prämisse fand der überhastete Abzug der USA und alliierter Truppen aus dem Land statt – ohne jeglichen Plan einer ordentlichen Übergabe- oder Nachfolgeregelung. „Was nach uns kommt, interessiert uns nicht – selbst wenn dabei Millionen Menschen unterjocht, um ihre Menschenrechte gebracht oder Tausende gar ums Leben kommen sollten“ – so in etwa ließe sich die Denke und Handlungsweise derjenigen zusammenfassen, die 20 Jahre vergeblich versucht haben, anhaltende Ordnung und Stabilität in das Land zu bringen.

Man könnte auch fragen, wieso jetzt plötzlich alles so schnell gehen musste? Wenn die fremden Mächte 20 Jahre im Land waren, hätten sie doch auch noch ein paar Monate dranhängen können, um zu prüfen, ob das afghanische Militär wirklich fähig und willens ist, sich den Taliban entgegenzustellen. Aber gut, Herr Trump hatte 2020 ja einen Deal mit den Taliban geschlossen, der musste nun umgesetzt werden.

Galt bislang die Devise: Wir versuchen, westliche Werte nach Afghanistan zu bringen, gilt nun: Nur weg. Nach uns die Sintflut!

Spielplatz für die Rassisten

US-Präsident Donald Trump rät dunkelhäutigen Politikerinnen, in „ihr“ Land zurückzugehen (drei sind in den USA geboren). Italiens Innenminister Matteo Salvini will das Land gegen Flüchtlinge abschotten und hetzt gegen alles und jeden. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán denkt über Grenzzäune nach und will das Land möglichst frei halten von Menschen aus anderen Regionen.

Es gibt sie überall, die Hetzer, Aufwiegler und Pöbler. Die Höckes, Le Pens, Identitären, Dutertes. Sie alle wollen ihren Spielplatz, auf dem sie sich ungehindert austoben können mit ihrem rechten und vielfach menschenverachtenden Gedankengut.

Warum erfüllt man diesen Leuten nicht ihren Wunsch? Warum schafft man nicht Platz für sie? Irgendwo im trockenen Nirwana zwischen Syrien und dem Irak oder im Süden Libyens ließe sich sicherlich ein Stückchen Land finden, wo sie alle gemeinsam ihr Ideal eines Staates umsetzen können. Vielleicht wird es das Paradies auf Erden. Auf jeden Fall wäre es ein tolles Experiment, wenn Trump, Salvini und Orban gemeinsam die Verfassung ihres neuen Staates erarbeiten. Möglich, dass dann auch weitere Personen Geschmack an dem Modell finden – Herr Johnson, Herr Kurz, von Storch…

Pauper Austria

Die Österreicher sperren zu Stoßzeiten die Fahrt über Landstraßen im Raum Innsbruck. Das gilt offiziell für alle Autofahrer – einheimische wie ausländische – , zielt de facto aber vor allem auf Ausländer. Sie zwingen vor allem Menschen anderer Nationen, auf den Autobahnen zu bleiben und dort Maut zu zahlen – vielfach in doppelter Form: einmal als Pickerl, das die Fahrt auf der „normalen“ Autobahn erlaubt; einmal als zusätzliche Sonderabgabe, damit man die Brennerautobahn, den Tauern- oder den Arlbergtunnel benutzen darf. Das könnt man getrost auch als Abzocke bezeichnen.

Die Straßensperrungen zeigen einmal mehr die Haltung der Tiroler und insbesondere ihres Landeshauptmanns Günther Platter gegenüber Fremden: zahlen sollt ihr, ansonsten seid ihr uns nur lästig.

Warum lässt Europa sich ein derart diskriminierendes Verhalten bieten? Stattdessen könnte man beispielsweise im Gegenzug allen Österreichern verbieten, das kleine deutsche Eck bei Bad Reichenhall zu benutzen. Da würden Herr Platter und Co. schnell zur Besinnung kommen.

Darüber hinaus kann jeder für sich selbst überlegen, ob er Österreich als Aufenthalts- oder als Transitland für seinen nächsten Urlaub nutzt. Aus verschiedenen Gründen bietet sich Letzteres an: Die Sprache. Die Ich-bezogene Einstellung der Tiroler. Ö3 und Radio Maria. Also: Einmal Austreten in Ösiland, dann Gas geben und nix wie durch. Die Pizza schmeckt in Brixen ohnehin besser.

P.S.: Natürlich ist der Verkehrsinfarkt und die damit einhergehende Belastung von Anwohnern ein Riesenthema. Deutschland – ein Transitland für Pkw- und Lkw-Fahrer aus ganz Europa – erstickt täglich im Stau, ebenso wie Österreich. Daraus abzuleiten, Ausländern bestimmte Verkehrswege zu verbieten, heißt, den europäischen Gedanken nicht verstanden zu haben oder nicht leben zu wollen.

Der CSU-Totalschaden

Natürlich kann man die von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) seit Jahren heftig vorangetriebene und von seinem Vorgänger Alexander Dobrindt initiierte (ebenfalls CSU) Pkw-Maut auf deutschen Autobahnen als Diskriminierung ausländischer Autofahrer sehen. Immerhin hätten nur Ausländer für die Straßenbenutzung gezahlt, Deutsche hätten über eine Absenkung der Kfz-Steuer finanziell mehr oder weniger neutral gestellt werden sollen.

Die Gefahr, dass am Ende so geurteilt würde, wie nun durch den Europäischen Gerichtshof geurteilt worden ist, war von Anfang an da und klar sichtbar. Nur die Herren Dobrindt und Scheuer haben stets so getan, als sei die Maut so gut wie gesetzt und völlig EU-konform.

Man fragt sich, wie weit beziehungsweise kurz der Sachverstand von Dobrindt, Scheuer und ihren Beratern eigentlich reicht? Ist der so schütter wie das Haar von Dobrindt? Offensichtlich fällt er ihnen gerade auf die Füße. Man fragt sich auch, warum nicht eine Maut eingeführt wird, so simpel und klar wie in der Schweiz oder in Österreich: Plakette auf die Scheibe, alle zahlen.  Der administrative Aufwand hielte sich in Grenzen, es flössen sofort Einnahmen. Und die Kfz-Steuer hätte man mit einigem zeitlichen Abstand trotzdem absenken können. Nur die beiden Themen von Beginn an miteinander zu verbinden, ist in hohem Maße dilettantisch gewesen.

Für den Steuerzahler sind bereits massive Kosten durch das CSU-Nebelprojekt entstanden. Sogar eine Gesellschaft zur Umsetzung der Maut wurde bereits gegründet – das Bundesverkehrsministerium hatte dem Ticketverkäufer CTS Eventim und seinem österreichischen Partner Kapsch TrafficCom einen zwei Milliarden Euro schweren Auftrag zum Verkauf der Maut-Vignetten erteilt. Die dürften nun Schadenersatz fordern.

Wer kommt für den finanziellen Schaden auf? Dobrindt? Scheuer? Ein Unternehmensmanager, der offensichtlich und wider besseres Wissen Mist baut, haftet in solchen Fällen persönlich. Gleiches sollte auch für Minister gelten – in Kombination mit der sofortigen Entlassung wegen Unfähigkeit.

„Me Too“-Hysterie in der Süddeutschen Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 15./16. Juni 2019 ein Foto, das nach Ansicht der Autorin sexistische Werbung zeigt:

Interview Interview

Dazu führte die Autorin folgendes Interview:

„Wenn Frauen lachen, da gibt’s nichts Schöneres“

Was tun bei sexistischer Werbung? Wir haben bei Sägewerksbesitzer Rüdisühli angerufen, der gerade mit einem Plakat für „Holz vor der Hütte“ wirbt, und gefragt: Was haben Sie sich dabei gedacht?

Interview von Tanja Rest

Parallelwelten im „Me Too“-Zeitalter: Während sich in der einen Wirklichkeit eine feministisch hoch sensibilisierte Gruppe die Köpfe zerbricht über die Frage, ob man Frauen noch in den Mantel helfen darf, Quoten für die Besetzung von Führungsjobs braucht und das Binnen-I verpflichtend einführen sollte, fungieren in der anderen Wirklichkeit Frauen noch als freizügige Postergirls, mit denen man zum Beispiel Holz verkaufen kann. Ein Anruf bei Rodolfo Rüdisühli, der im Schweizer Grenzort Martina ein Sägewerk betreibt.

SZ: Herr Rüdisühli, eine Kollegin kam bei einer Radtour nach Meran kürzlich an Ihrem Plakat vorbei und hat mir ein Foto davon geschickt. Sie wissen, von welchem Plakat die Rede ist?

Rodolfo Rüdisühli: Jaja, ich kenn das schon.

Auf dem Plakat sieht man vier auf dem Bauch liegende Frauen im tief ausgeschnittenen Dirndl, der Busen quillt einem praktisch entgegen. Über den Frauen steht: „Wir haben Holz vor der Hütte.“ Drunter: „… greifen Sie zu!“

Ja.

Finden Sie das Plakat gelungen?

Wenn ich’s nicht gelungen fände, hätte ich’s nicht gemacht.

Worauf genau bezieht sich das „Greifen Sie zu“?

Ja gut, wir sind ein Sägewerk, und auf dem Plakat ist Holz zu sehen.

Weil das nämlich nicht ganz klar wird, dass das Holz gemeint ist. Verstehen Sie, was ich meine?

Jaja.

Was haben Brüste mit Holz zu tun?

Das sind ja keine Brüste, sondern das sind Frauen, die lachen. Die haben ein Dirndl an und sind gut gekleidet.

Man guckt ihnen aber direkt in den Ausschnitt.

Ja, wenn man das will, schon. Man kann aber auch aufs Holz schauen.

Sie können sich aber schon vorstellen, warum ich anrufe?

Bis jetzt hab ich nur positive Reaktionen bekommen.

Es hat sich noch niemand beschwert?

Nein, nein, überhaupt nicht.

Kennen Sie die vier Frauen auf dem Plakat?

Ja, die kenne ich alle persönlich, das sind Kolleginnen von mir. Also die arbeiten nicht bei mir im Sägewerk, aber ich kenne sie privat.

Und die haben da gerne mitgemacht?

Die haben mir das offeriert.

Das Motiv war deren Idee?

Ich habe gesagt: Das wär doch eine Werbung. Und dann haben sie gesagt: Ja. Also die haben gerne mitgemacht.

Und der Spruch „Holz vor der Hütte“, das war auch Ihre Idee?

Ich meine, wir sind ein Sägewerk. Ein Sägewerk hat Holz vor der Hütte.

Und offenbar auch Brüste.

Also das Dirndl, wenn das nicht okay ist, dann versteh ich das Ganze nicht. Die Frauen sind richtig anständig gekleidet.

Es gibt seit einiger Zeit eine weltweite Debatte unter dem Stichwort „Me Too“, haben Sie von der mal gehört?

Nein, hab ich noch nicht.

Bei der Debatte geht es um sexuelle Übergriffe auf Frauen, aber auch um alltäglichen Sexismus. Zum Beispiel um sexistische Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel auf Ihrem Plakat.

Von mir dazu kein Kommentar.

Herr Rüdisühli, haben Sie Familie?

Jaja.

Vielleicht auch eine Tochter?

Ist ja egal, eigentlich.

Sagen wir, eine der vier Frauen über dem „… greifen Sie zu!“ wäre Ihre Tochter, wäre Ihnen wohl dabei?

Es geht ja ums Holz und nicht um die Mädchen.

Warum sind sie dann drauf?

Weil wenn ich Holz draufmache, dann schaut niemand hin.

Ach so.

Es geht um das Lachen der Frauen.

Komisch. Mir kommt es so vor, als ginge es eher um die Brüste.

Ich schau doch nicht auf die Brüste.

Sie hätten die Frauen auch hinstellen können.

Und dann sieht man die Beine, ist das besser?

Das wäre schon etwas besser, ja.

Also, ihr Deutsche habt irgendein Problem mit dem Theater.

Sie finden, wir Deutsche stellen uns an?

Ja, das denke ich schon. Ihr schaut das anders an als wir. Wenn Frauen lachen, da gibt’s ja nichts Schöneres, oder? Wieso macht ihr ein Oktoberfest, sagen Sie das mal, wieso macht ihr das?

Gegen lachende Frauen im Dirndl hat keiner was. Aber lachende Frauen im Dirndl, denen man zwischen die Brüste fotografiert hat, um dann Holz zu verkaufen, das ist sexistisch.

Man sieht doch keine Brüste! Man sieht vielleicht das Dekolleté.

Noch mal die Frage: Wenn Ihre Tochter da liegen würde, das wäre in Ordnung?

Wieso sollte sie nicht mitmachen? Ja sicher, da sehe ich kein Problem. Wenn meine Frau ein bisschen jünger wäre, hätte ich sie auch noch draufgestellt.

Aber nur, wenn sie jünger wäre.

Also es muss ja auch noch gut aussehen.

Halten wir fest: Sie finden das Plakat gelungen, Beschwerden gab es nicht, die Frauen haben gerne mitgemacht, und darum bleibt das Plakat, wo es ist.

So ist es.

Wenn ich Ihnen jetzt mitteile: Mich als Frau stört es – was sagen Sie dazu?

Was soll ich dazu sagen? Das ist dann halt Ihre Meinung.

 

Darauf ein Schreiben von Blog-Betreiber Thorsten Schüller an die Autorin des Interviews, Tanja Rest: 

Sehr geehrte Frau Rest,

mit Interesse habe ich, Mann, Ihren Beitrag über das angeblich frauenverstörende Werbeplakat eines Schweizer Sägewerkbetreibers gelesen. Trotz Ihres nachhaltigen Versuchs, dem Interviewten eine frauenverachtende und sexistische Haltung zu unterstellen, muss ich Ihrem Gesprächspartner Recht geben: Hier ist kein Busen zu sehen! Hier sind züchtig angezogene Frauen zu sehen. Gut, man hätte ihnen noch einen Pullover oder eine Jacke verpassen können, damit sie dem modernen und züchtigen Zeitgeist, den Sie in Ihrem Beitrag predigen, entsprechen.

Natürlich ist das Plakat in Bild und Wort simpel gemacht, und versucht es mit einem uralten Trick: Wenn schon das Produkt (Holz) nicht zieht, dann vielleicht eine (vier) attraktive Frauen. Das ist nicht sehr intelligent, aber vielleicht funktioniert es. Hier liegt aber keine knackige Nackte quer vor dem Holzstapel, sondern wir sehen züchtig gekleidete und lächelnde Frauen. Auch in diesem Punkt (Lachen) hat Ihr Gesprächspartner recht.

Liebe Frau Rest: Man kann die „Me Too“-Debatte auch hysterisch bis zum Exzess betreiben. Die meisten Frauen, die ich kenne, schätzen es, wenn man ihnen Komplimente wegen Ihres Aussehens macht. Ich sehe täglich Dutzende von Frauen, die aus freien Stück und bewusst in kurzen Rücken, tiefen Ausschnitten und mit langen Beinen herumlaufen. Ich gestehe: ich schaue diese Frauen gerne an (wahrscheinlich ist das anzüglich, ich sollte ein schlechtes Gewissen haben). Ich habe auch den Eindruck, viele Frauen schätzen es, wenn man sie aufgrund ihrer Attraktivität betrachtet (ohne gleich über sie herzufallen).

„Me Too“ (eine Bewegung, die darauf zurückgeht, dass Frauen nach 20 Jahren einfällt, dass sie sexuell belästigt worden sind) hat etwas bewirkt: Im Berufsalltag betrachte ich Frauen mittlerweile nur noch als sächliche Wesen. Jegliche Kommunikation mit dem weiblichen Geschlecht ist auf das Sachliche beschränkt. Man(n) will sich nichts, überhaupt nichts, nachsagen lassen. Zudem muss man(n) heutzutage mit jeder Formulierung vorsichtig sein, das geben schon die Ethik-Kodizes der Unternehmen vor. Will man frei und von der Leber weg reden, sollte man mit Männern reden! Glückwunsch zu dieser politisch korrekten Entwicklung.

Übrigens: Würde ich mich aufregen, wenn ein nackter Mann auf dem von Ihnen gezeigten Plakat zu sehen wäre? Es wäre mir egal. Und: Gehen Sie mal in das Cafe Winklstüberl am Fuße des Breitensteins: Wenn sie dort Kaffee und Kuchen bestellen, blicken sie als Mann ungefragt und zwangsweise tief auf den hochgezurrten und weitgehend offenen Busen von Mittfünfziger-Frauen. Darauf würde ich dann doch gerne verzichten.

Mit freundlichen Grüßen

Thorsten Schüller

Nachtrag: 

Bei längerem Nachdenken über den Beitrag von Frau Rest wird immer klarer, was im Kern hier nicht stimmt: Es ist die journalistische Form, aus der die Autorin hinaus fällt. Jegliche Objektivität wird hier von ihr fallen gelassen. Sie überfällt ihren Interviewpartner mit einer vorgefertigten Meinung, zwingt ihn in die Ecke und geht auf seine Ausführungen nicht ein.  Vielmehr versucht sie krampfhaft, ihn mit ihrer Meinung des Bildes ein schlechtes Gewissen einzureden. Fast könnte man den Eindruck haben, sie arbeitet ein persönliches Erlebnis auf.

Und noch eines: Frau Rest benutzt den Begriff „Me Too“. Sie tut es verzerrt. Denn „Me Too“ bezeichnet im Kern den sexualisierten Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen.  „Me Too“ meint nicht alltäglichen Sexismus.

Oh Bahn, oh Wahn

Wie schafft man es, als eigentlich bahnfreundlich eingestellter Mitbürger, an der Bahn zu zweifeln? Indem man Bahn fährt. Je öfter man fährt, desto mehr zweifelt man. Die Zweifel steigern sich zur Verzweiflung, die Verzweiflung zur Wut. Weil man den Eindruck hat, dass das Unternehmen (die Unternehmen) es nicht nur nicht kann, sondern ihre Kunden systematisch für dumm verkauft. Um es drastisch zu formulieren: Die Bahn, und hier ist auch die S-Bahn München gemeint, verarscht einen nicht nur einmal. Diese Organisationen schaffen das Kunststück, ihre Kunden innerhalb kurzer Zeit gleich mehrfach zu verarschen.

Beispiel 1:
S-Bahnhof Grafing Stadt: Wir wollen nach München. Es gibt stündlich eine Regionalbahn, die Grafing Stadt um xy:44 Uhr verlässt. Kurz darauf soll sie in Grafing Bahnhof ankommen, nicht einmal zwei Kilometer entfernt, wo der Fahrgast dann in den Meridian um xy:51 Uhr nach München umsteigen kann.
Das Problem: In geschätzt 50 Prozent der Fälle kommt die Regionalbahn in Grafing Stadt einige Minuten, manchmal auch zehn Minuten, zu spät an. Das heißt, der Anschlusszug in Grafing Bahnhof ist damit weg. Das macht man einmal, zweimal, fünfmal. Irgendwann hat man den Glauben an die Verlässlichkeit der Regionalbahn verloren und man fragt sich, wieso die Bahn überhaupt einen Fahrplan eingeführt hat, wenn sie ihn nicht einhält? Leute, dann lasst die Regionalbahn doch irgendwann kommen, nach dem Zufallsprinzip, aber suggeriert nicht eine Anschlussverbindung, die es de facto nicht gibt. Übrigens: Jeder halbwegs mitdenkende Mensch in Grafing, der den Meridian in Grafing Bahnhof erwischen will, fährt mittlerweile mit dem Rad oder mit dem Auto direkt dorthin und verlässt sich nicht auf die Regionalbahn.

Beispiel 2:
Grafing Bahnhof. Wir sind mit dem Radl angereist und wollen auf Gleis 3 den Meridian um xy:51 Uhr nach München nehmen. Es wäre wichtig, wir haben einen Termin. Die elektronische Zuganzeige verkündet, dass es aufgrund von technischen Probleme zu Fehlern bei der Wagenstandsanzeige kommen könne, aber das tangiert uns eigentlich nicht. Immerhin ist der Meridian pünktlich angekündigt. Am selben Bahnsteig gegenüber wartet auf Gleis 2 eine S-Bahn, die einige Minuten vor dem Meridian nach München und dann weiter nach Tutzing fahren wird. Doch der Meridian ist schneller, denn er hält unterwegs nicht. Im Übrigen droht keine Gefahr, denn es gibt keine Durchsage, die eine Anormalität im Fahrplanverlauf andeuten würde.
Die S-Bahn fährt ab. Kurz danach schaltet die elektronische Zuganzeige um und verkündet, dass der nächste Meridian in 59 Minuten nach München fahren wird. Etwa 50 wartende Personen hat die Bahn in diesem Moment als Freunde verloren. Die fragen sich, wieso es die Bahn nicht fertig bringt, ihre Kunden im digitalen Zeitalter wenigstens korrekt zu informieren, wenn sie es schon nicht schafft, ihre Züge nach Fahrplan fahren zu lassen?
50 Personen strömen daraufhin durch die Unterführung in Richtung Gleis 1, weil dort in etwa 20 Minuten die nächste S-Bahn nach München abfahren soll. Der Lautsprecher schweigt. Irgendwann, so nach 15 Minuten, fährt auf Gleis 2 eine aus München kommende S-Bahn ein, die die Sicht auf Gleis 3 nimmt, wo üblicherweise der Meridian verkehrt. Plötzlich Hektik auf dem Bahnsteig: Still und heimlich scheint auf Gleis 3 der Meridian nach München eingefahren zu sein, der eigentlich 58 Minuten zu spät angekündigt war, nun aber nach etwa 20 Minuten kommentarlos und wie aus dem Nichts auftaucht. Eine Lautsprecherdurchsage dazu gab es jedenfalls nicht. Bahnfahren in Grafing Bahnhof ist Bahnfahren nach Beobachten und Gefühl. 50 Menschen stürzen sich die Treppe hinunter, rennen durch den Untergrund, stürzen drüben wieder rauf. Manche schaffen den Geister-Meridian, manche nicht. Aber alle fühlen sich gleich zweifach von dem Unternehmen Bahn durch den Kakao gezogen. Es gäbe eine drastischere Wortwahl, aber die haben wir teilweise schon verbraucht.

Beispiel 3:
Eine S-Bahn der neuen Generation auf dem Weg nach München. Die Fahrgäste werden per digitalem Screen begrüßt, mit den Annehmlichkeiten des Zuges vertraut gemacht und in die aktuelle Nachrichtenlage eingeführt. Es werden auch die folgenden Stationen angekündigt. Allerdings wird nicht mitgeteilt, an welcher Station die S-Bahn sich gerade befindet, was drei ältere Damen im Abteil in Unruhe versetzt. Im Übrigen wird den Fahrgästen mitgeteilt, dass die S-Bahn durch die sogenannte Stammstrecke unter München fahren werde mit Halt an allen Stationen. Das wiederum ist eine glatte Fehlinformation, denn es ist Wochenende, und an diesem Wochenende ist die Stammstrecke wegen Bauarbeiten komplett gesperrt. Da spielt es eigentlich keine große Rolle, dass auch die angezeigte Uhrzeit um eine Stunde hinterher hinkt. Man fragt sich: Was für Dilettanten arbeiten bei der S-Bahn in der IT?

Beispiel 4:
Poing, morgens um 8:54 Uhr. Um 9:00 Uhr soll eine S-Bahn nach München fahren. Was für ein Glück, dass wir etwas früher dran sind, denn die S-Bahn fährt bereits jetzt ein. Etwa 15 Minuten später steigen wir in Berg am Laim um in die S-Bahn Richtung Ebersberg. Die soll um 9:22 Uhr abfahren. Eine Stimme verkündet über Lautsprecher, dass die S-Bahn nach Ebersberg fünf Minuten später kommen werde. Tatsächlich kommt sie vier Minuten früher. Wir fassen das mal als positives Ereignis auf, zweifeln andererseits aber wieder an der Fähigkeit des Unternehmens, korrekt zu kommunizieren, wann deren Züge wo ankommen und abfahren. Wissen die nicht, wo sich ihr Zugmaterial gerade befindet? Wieso können Fluggesellschaften auf die Minute genau beim Abflug in Frankfurt die Ankunft in Lissabon, New York oder Teheran vorhersagen, nicht aber die Münchener S-Bahn die exakte Ankunft ihrer Züge? Selbst Google weiß ständig, wo ich mich befinde? Irrlichtern die Waggons der S-Bahn irgendwo im Netz herum? Haben die keine Computer? Da könnte man schon in Sorge geraten!

Beispiel 5:
Wir haben einen Termin in Tübingen. Einen wirklich wichtigen Termin. Vier Personen warten ab 12 Uhr auf uns. Wir könnten mit dem Auto von Grafing nach Tübingen fahren, aber wir wollen die Umwelt schonen und außerdem die Zugfahrt zum Arbeiten nutzen. Zudem haben wir ausreichend Zeitpuffer eingeplant – wir werden Tübingen Hauptbahnhof gegen 10:45 Uhr erreichen. Selbst wenn bei der Anreise etwas schief läuft, sollte das mit dem Puffer auszugleichen sein.
Der Start in Grafing Stadt verläuft schlecht. Die S-Bahn um 6:47 Uhr nach München kommt nicht. Es gibt auch keine Durchsage. Es gibt gar nichts. Wenn es eine Durchsage gegeben hätte, wären wir mit dem Fahrrad nach Grafing Bahnhof gefahren, um um 6:51 Uhr den Meridian zu nehmen. Aber wer nichts weiß, der kann nicht handeln. Wir scannen das Smartphone. Das sagt etwas von Polizeieinsatz auf der Stammstrecke und Verzögerungen sowie Zugausfällen bei allen S-Bahn-Linien. Die Stammstrecke ist die Achillesferse der Münchener S-Bahn. Wenn da etwas stockt, stockt es überall. Und es stockt dort oft. Meist ist die Begründung „Signal-, Weichen- oder Stellwerkstörung“.
München setzt auf die große, teure Lösung. München baut eine zweite Stammstrecke, einige hundert Meter neben der existierenden Trasse. Die kostet ein Vermögen und soll irgendwann fertig werden. Es gäbe eine einfache, schnelle Lösung. Vom Ostbahnhof führt eine zweigleisige Bahnstrecke südlich um die Innenstadt herum und trifft westlich des Hauptbahnhofs wieder auf das zentrale Gleisnetz. Man könnte diese Gleislinie verstärken und dort S-Bahnen fahren lassen. Aber das wollen die Münchener irgendwie nicht.
Um 7:07 Uhr kommt eine Regionalbahn in Grafing Stadt an, die über den Ostbahnhof zum Hauptbahnhof fährt. Das ist einerseits gut, weil wir damit die gesperrte Münchener Stammstrecke umfahren, das ist andererseits zu spät, um den ICE nach Stuttgart zu erreichen. Am Ostbahnhof steht am Gleis gegenüber ein IC, der über Stuttgart nach Karlsruhe will – das würde passen, nur können wir auf die Schnelle nicht recherchieren, wann der abfährt, und ob der über den Hauptbahnhof fährt.
München Hauptbahnhof. 7:30 Uhr. Der ICE ist weg. Auf die Frage nach der schnellsten Möglichkeit nach Tübingen nennt die Dame von der Auskunft eine Verbindung, die um 12.12 Uhr ankommt. Das ist zu spät, geben wir zu bedenken. Da muss es doch etwas Schnelleres geben. Die schnellste Verbindung nach Tübingen ist die um 12.12 Uhr, sagt die Frau nach erneutem Blick auf ihren Bildschirm. Soll ich Ihnen das ausdrucken?
Per Smartphone gehen wir auf Recherche. Unser ICE kommt um 9:47 Uhr in Ulm an. Um 9:54 Uhr fährt dort ein Regionalexpress nach Plochingen ab, Ankunft Plochingen um 10.41 Uhr. Um 10:44 Uhr fährt von dort ein Regionalexpress nach Tübingen, Ankunft 11:23 Uhr. Zugegeben, das sind knappe Umsteigezeiten. Aber das weist der Fahrplan der Deutschen Bahn aus. Wenn sie den also einhält, sollte diese Verbindung möglich sein. Und überhaupt: Wieso hat man diese Auskunft nicht von der DB-Auskunftsdame am Münchener Hauptbahnhof erhalten, die wir immerhin explizit nach der „schnellsten Verbindung“ nach Tübingen gefragt haben? Wie, bitteschön, sind deren Computer programmiert?
Der ICE fährt nahezu pünktlich um 9:49 Uhr in Ulm ein. Wir haben fünf Minuten zum Umsteigen. Der Regionalexpress nach Plochingen steht abfahrbereit. Doch er fährt nicht ab. Er fährt wegen „Gleis vor uns ist belegt“ etwa fünf Minuten später als vorgesehen ab. Das ist schlecht, denn unsere Umsteigezeit in Plochingen beträgt drei Minuten. Zudem fährt der Regionalexpress mit einer Gemütlichkeit durch die schwäbischen Lande, dass man den Eindruck gewinnt, auf jedem Kilometer Strecke eine weitere halbe Minute an fahrplanmäßiger Zeit zu verlieren. Als irgendwann der Schaffner vorbeikommt und wir ihn darauf ansprechen, dass wir dringend in Plochingen den Anschluss erwischen müssen, sagt er, das treffe für mehrere andere Fahrgäste auch zu. Er habe schon telefoniert, aber bisher keine Bestätigung erhalten. Wir bitten nachdrücklich, er möge nochmal nachfragen, was der gute Mann mit der Bemerkung „Sie verzweifeln wohl gerade an der Deutschen Bahn“ dann auch tun will. Nur leider nimmt am anderen Ende der Leitung minutenlang niemand ab.
Kurz vor Plochingen erwischt er dann einen Verantwortlichen, der sich aber auf den Fahrplan und ein anderes Problem beruft und daher nicht garantieren könne, den Tübinger Zug warten zu lassen. Wir sehen unseren Termin – vier Leute warten, es geht um unsere Zukunft – davongleiten. Dann ruft der Zugbegleiter den Lokführer des Tübinger Zuges an. Woher auch immer er dessen Handynummer hat. Der Lokführer des Tübinger Zuges sagt, er habe mehrere Minuten Verspätung, also alles kein Problem. Ist das nicht irre? Die Deutsche Bahn funktioniert letztlich, weil das ganze System Verspätung hat.
Einige Stunden später. Rückfahrt von Tübingen nach Grafing. Kein Termin wartet, aber es wäre trotzdem prima, abends gegen 21 Uhr zuhause anzukommen. Der Zug von Tübingen nach Plochingen bummelt dahin. Am Ende hat er acht Minuten Verspätung. Sechs Minuten hätten wir zum Umsteigen gebraucht. Als wir in Plochingen einfahren, fährt der IC nach München gerade aus. Oh Deutsche Bahn. Möge der Herr Dir einen Fahrplan geben, der Gültigkeit habe auf Immer und Ewigkeit, und solltest Du dagegen verstoßen, mögest Du vielleicht nicht verdammt sein, aber so solltest du werden eine Tochtergesellschaft des Flughafens Berlin Brandenburg. Ihr wärt ein tolles Paar.

Trump, völlig gagaistisch

Um die angespannte Lage zwischen den USA und Iran zu beruhigen, müsse Teheran vor allem eines tun: Keine Atombomben bauen, sagt Donald Trump, ein Mann mit ausgeprägtem Ego und geringer Expertise, Wohnsitz Weißes Haus, Washington.

Da kann man nur noch fragen: Sind bei Trump nun auch die letzten Tassen aus dem Schrank gefallen? Genau das – nämlich die Verhinderung von Atombomben – hat doch das Atomabkommen zum Zweck gehabt, dass Trumps Vorgänger Barack Obama mit der Teheraner Regierung geschlossen hatte. Zur Erinnerung: Dieses Abkommen hat Herr Trump im Mai 2018, also vor einem Jahr, einseitig aufgekündigt. Nun also beschwert er sich, dass die iranische Regierung – nachdem sie sich ein Jahr lang in dieser Frage ruhig verhalten hat – ankündigt, sich ihrerseits nicht mehr an Teile des Abkommens gebunden zu fühlen. Eine Absicht zum Bau einer Atombombe ist damit übrigens nicht verbunden.

Man konnte bisher schon an Trump zweifeln. Mittlerweile kann man nur noch verzweifeln und hoffen, dass bei einer derart infantilen und gagaistischen Argumentation der natürliche Alterungsprozess das Kapitel „Trump“ bald beendet, wenn schon die US-Amerikaner selbst nicht in der Lage sind, ihn aus dem Amt zu jagen.

P.S.: Wieso eigentlich sollen die Iraner nicht das Recht haben, eine Atombombe zu bauen? Die Amerikaner haben Sie doch auch, genauso wie die Russen, Pakistaner, Inder…